Farewell White Hart Lane

mit: Tottenham Hotspur – Arsenal FC  2:0  am 30.04.2017  Premier League

Und wieder wird ein traditionelles, altehrwürdiges Stadion demnächst Geschichte sein: Die White Hart Lane. Seit stolzen 118 Jahren Heimat der Tottenham Hotspurs. Eröffnet wurde die ursprüngliche Lane, wie sie abgekürzt meist genannt wird, mit einem Freundschaftsspiel gegen Notts County im September 1899. Damals sahen ganze 5.000 Zuschauer das Spiel. Im ersten Ligaspiel konnten aber schon 11.000 Zaungäste begrüßt werden. Der Ground besaß schon damals eine überdachte Haupttribüne und ein Fassungsvermögen von 32.000 Plätzen.

Anfang des 20. Jahrhunderts übernahm kein geringerer als Archiebald Leith, der renommierteste Stadionarchitekt seiner Zeit, nach und nach den weiteren Ausbau der Lane. Es folgten eine neue Haupttribüne, sowie eine Vergrößerung des Park Lane End und Paxton Road End und zum Schluss im Jahr 1934 die Erneuerung des East Stands. Damit hatte die White Hart Lane eine Kapazität für 80.000 Menschen. Die Handschrift von Archiebald Leith, oft gekennzeichnet durch dreirangige Tribünen, konnte aber dem aktuellen Stadion nicht mehr entnommen werden. Bereits ab dem Jahr 1980 wurden wiederum umfangreiche Renovierungs- und Erneuerungsarbeiten durchgeführt. Begonnen wurde wieder mit dem Abriss und Neubau der Haupttribüne. Die Revitalisierung des East Stand zu seiner heutigen Form folgte erst 1989, die Versitzplatzung weiterer Tribünenteile gemäß dem Taylorreport 1992 bis 1993. Der endgültige, bis heute bestehende Stand des Stadions wurde erst 1998 mit dem bekannten Fassungsvermögen von 36.240 Plätzen abgeschlossen. Somit hatte die derzeitige Konstruktion mit 19 Jahren keine besonders lange Lebensdauer. Diese ständige Umbauerei sah man dem Stadion allerdings, zumindest von außen, auch an. War das Design und die Gestaltung der Tribünen von innen schlüssig und kompakt, so glichen sich die Außenfassaden überhaupt nicht. Das Attribut „besonders hübsch“ konnte man der White Hart Lane nicht wirklich erteilen. Die Fassade des East Stand glich eher der einer Fabrikhalle.

Das alles spielte aber keine Rolle, war man erstmal mittendrin. Nur auf dem East Stand, der Gegentribüne quasi, störten zwei Stützpfeiler die Sicht. Ansonsten gab es, bis auf einige wenige Sitze, beste Sicht auf` s Spielfeld. Die Nähe zum Spielfeld war beeindruckend, besonders auf den Unterrängen. Der Fan betrat die Tribüne durch das Mundloch auf dem South Stand Lower ungefähr in Höhe Reihe 8 und hatte immer gleich den wohligen Geruch des satten Rasens in der Nase. Jedesmal ein schöner Moment. Noch besser dran waren die, die ihren Platz in den ersten Reihen hatten. Sie wurden diverse Male in den Torpogo der jubelnden Spieler einbezogen, woraufhin jedes Mal ein unübersichtliches Knäuel von Spielern, Fans und Ordnern entstand. Unvergessen auch die Möglichkeit der direkten Kommunikation mit den Torleuten. Entweder, um sie zu verunsichern (wie z.B. Paul Robinson nach seinem Weggang), oder um die Eigenen ein wenig auf den Arm zu nehmen (wie z.B. dem Brasilianer Gomez). Auf dem South Stand (Park Lane) hinter dem Tor und auf dem East Stand (Shelf Side) in der Ecke zur Park Lane waren, die aktiven Fans beheimatet. Hier wurde gestanden und in der Regel die beste Stimmung erzeugt. Auch Wechselgesänge (We`re the Shelf Side, we`re the Park Lane of Tottenham) gehörten zur Tagesordnung. War es Mitte 2000 noch ein ständiger Kampf mit den Ordnern dort stehend das Spiel zur verfolgen, gaben nach und nach die Ordnungshüter das Vorhaben auf, die Leute zum Sitzen zu verdonnern. Das Ganze spielte sich meist folgender Maßen ab: Ein Ordner versuchte mit Handzeichen Reihe für Reihe von unten nach oben die Leute zum Sitzen zu animieren. Die Hälfte tat so, als ob sie ihn nicht sähen. Die andere folgte widerwillig. Kaum waren meist acht Reihen geschafft standen alle unter dem Gesang „Stand up, when you Arsenal hate“ wieder auf und das Spielchen ging von Vorne los. Spätestens beim dritten Mal, gab der Ordner auf… Wie in vielen anderen Stadien wird das Stehen mittlerweile in Teilen der Tribünen wieder toleriert. Geht doch!

Wie andernorts grenzte auch der Gästeblock direkt an die Areale der Heimfans. Meistens nur durch zwei abgehängte Sitzreihen und einer Ordnerkette getrennt. Die Brisanz der Spiele konnte man der dreistufigen Ausrüstung der Sicherheitsleute erkennen: Normale Ordner, Polizei mit Hut, Polizei mit Helm. Gegen West Ham waren es stets Polizisten mit Helm. Größere Ausschreitungen im Stadion gab es bei meinen Besuchen aber nie. Aber nichts ist schöner, als die gegnerischen Fans auf eine derart kurze Distanz zu verhöhnen oder zu beleidigen oder beleidigt zu werden. State of the Art im englischen Fußball. Bei einem Heimspiel gegen die Hammers wurde ich mal über die gesamten neunzig Minuten von einem Gästefan aus kürzester Entfernung verbal und mit einschlägigen Handbewegungen beschimpft und provoziert. Gut, das ich nicht alles verstanden habe. Witzig war`s trotzdem. Genauso aufregend ging es bei brisanten Spielen natürlich auch außerhalb des South Stands zu: Gäste- und Heimeingang lagen direkt nebeneinander in einer kleinen Straße, gegenüber einer Häuserreihe. Geregelt wurde alles mit einer Pferdekette. Es wurde bei Ankunft und bei verlorenen Heimspielen gedrängelt, geschoben, gepöbelt und manchmal ein wenig gehauen. Große Ausschreitungen gab es in Stadionnähe in den letzten Jahren aber äußerst selten.

Die Häuserzeile an der High Road, insbesondere die Zeile am Bill Nicholson Way, der Einfahrt zur Haupttribüne, hatte ihren besonderen Charme. Schöne alte Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind schon auf Fotos aus dem Jahr 1906 zu sehen. Genutzt als Pubs, Wettbüros, zusätzlichem Fan Shop usw. Dahinter die WHL. Jetzt ist alles weg. Bis auf ein Haus, welches unter Denkmalschutz gestellt wurde. Ob sich das mächtige Neubauensemble optisch in das vorhandene Stadtbild einfügt, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Das Gute am Neubau an gleicher Stelle: Mal abgesehen von einer verbesserten Infrastruktur und einem „moderneren“ städtebaulichen Ambiente, bleiben im Gegensatz zu einem ganz anderen Spielort wie bei West Ham United, viele liebgewonnene Einrichtungen bestehen: Der große Pub mit Biergarten No. 8 in unmittelbarer Nachbarschaft des Stadions, das Bricklayers Arms oder der Bill Nicholson Pub. Nur um stellvertretend einige für viele weitere Kneipen in der High Road auf dem Weg zum Stadion zu nennen. Auch auf ein englisches Frühstück im Hotspur Cafe oder im Bit and Eat muss niemand zukünftig verzichten.

Ich nahm meinen persönlichen Abschied von der White Hart Lane bereits am zweitletzten Heimspiel anlässlich des Nord London Derbys gegen den FC Arsenal. Nach eine kurzen Runde durch die aktuelle Baustelle ging es diesmal nicht in die gesangsfreudige Enge ins Bricklayers, sondern gleich ins heute ebenfalls überfüllte No. 8, dem ausgerufenen Treffpunkt meiner Deutsch/ Österreichischen Bezugsgruppe sowie einigen englischen Freunden. Wir staunten nicht schlecht über die neuen Bierpreise von 5,50 Pfund (also weit über 6 Euro), weswegen wir zu einigen Abschiedsbieren nach dem Spiel die deutlich günstigere Location The Elbow Room ausriefen. Da wollte der Betreiber des No. 8 wohl vor der einjährigen Pause noch mal richtig abschöpfen.
Ca. 20- 30 Minuten vor Spielbeginn begann dann auf Höhe des No. 8 das übliche Derby- Spektakel: Unter (im Vergleich zu heimischen Spielen) eher kleiner Polizeibegleitung wurden die Gästefans, wie immer, durch die High Road zum Gästeblock gebracht. Die Gunners hatten diesmal sogar roten Rauch und ein/zwei Böller mitgebracht. Es folgte ein unspektakulärer Austausch von Gegenständen oder Getränken sowie ein paar Rangeleien und Pöbeleien. Mehr aber auch nicht. Danach flitzen alle Anwesenden zu den Turnstiles und erreichten so gerade zum Anpfiff ihre Plätze. Auch typisch englische State of the Art. Niemand von uns hatte heute aufgrund des unsäglichen Ticketverlosungssystems in der letzten WHL Saison einen Platz auf dem South Stand. Das spielte aber diesmal keine Rolle. Die Stimmung war überall im Stadion gut. Alle wollten einen letzten Sieg über den Rivalen an alter Wirkungsstelle sehen. Zumal die Spurs auch nicht mehr von dem „Verein aus Woolwich“ überholt werden konnten und deren St. Tottenhamrings Day damit ausfallen musste.

„Arsene Wenger, we want you to stay“ und andere Gassenhauer gaben dem Spiel einen würdigen Rahmen. Wir hatten auf dem North Stand auch Glück mit den Karten. Unsere Plätze befanden sich in der drittletzten Reihe in Mitten einer Gruppe, die auch keine Lust auf` s Sitzen und große Lust auf` s Anfeuern hatten. Perfekt! In der ersten Halbzeit neutralisierten sich beide Teams so ziemlich. Zu viel steht beim NLD für beide Mannschaften auf dem Spiel. Nach der Pause erhöhte Tottenham aber den Druck und es viel zwangsläufig das 1:0 durch Publikumsliebling Dele Alli („We`ve got Alli, dele Alli) und kurz darauf durch einen berechtigten Foulelfmeter der 2:0 Siegtreffer. Harry Kane (Torschützenkönig der Premier League) hatte vom Elfmeterpunkt eingenetzt. Danach lief Pochettino`s Kurzpassmaschinerie wie am Schnürchen. Über ein oder zwei Treffer mehr hätte Arsenal sich nicht beschweren können. Die Stimmung war fantastisch. Nach dem Abpfiff hieß es dann Abschied nehmen. Die Ordner warfen diesmal niemanden direkt aus dem Rund. Viele (so wie ich) machten letzte Bilder, atmeten tief durch oder sangen noch im halb leeren Stadion bis sie in den Mundlöchern endgültig verschwanden. Farewell White Hart Lane.

Sechs Nord London Derbys habe ich insgesamt an der WHL gesehen (das 3:3 in der Saison 2011 war dabei eines der Stimmungsvollsten, weil einfach spannend und als Underdog errungen), aber natürlich auch eine Menge weniger attraktive Spiele. Tottenham gehörte über Jahrzehnte eben nicht zu den Top Clubs der ersten englischen Liga. Die Spurs spielten oft trotzdem einen schnellen, ansehnlichen Fußball und hatten namhafte Spieler in ihren Reihen, die man entweder lieben oder an denen man sich reiben konnte (Klinsmann, Gascoigne, Hoddle, Ledly King, Teddy Sheringham, um nur einige zu nennen.) Vielleicht gehörte gerade deshalb die Lane zu den stimmungsvollsten der ersten englischen Liga im Land. Die Spiele waren meistens ausverkauft (in den letzten, erfolgreicheren Jahre sowieso), aber mit einer Mitgliedschaft konnte man auf allen Tribünenteilen in der Regel seinen Wunschplatz bekommen. Bei rund 22.000 Dauerkarten und 3000 Gästefans gingen pro Spiel genügend Tickets in den Mitgliederverkauf. Chancen auf Tickets für Auswärtsspiele und Cup- Spiele im Wembley waren auch gegeben. Alles easy also. All das ändert sich allerdings mit dem Neubau…

…Teil 2 über den Bau des neuen Stadions folgt nach der Sommerpause zur Beginn der neuen Saison

Video Tottenham Hotspur – Arsenal FC im April 2011:

Oh when the Spurs go marching in from Nebensachefussball on Vimeo.

Video Tottenham Hotspur- FC Southampton im Mai 2017:

We`ve got Alli, Dele Alli – WHL Mai 2016 from Nebensachefussball on Vimeo.

Operation Mariachi: Auswärts mit Grimsby Town FC

Barnet FC – Grimsby Town FC  3: 1  League Two 29.04.2017

Bevor am folgenden Tag der persönliche Abschied von der White Hart Lane genommen werden musste, durfte zunächst am Samstag der 34. Groundpunkt auf dem langen Weg zu den möglichen 92 der ersten englischen vier Ligen klar gemacht werden. Dieses Mal ging es in den Nordwesten von London zum kleinen Barnet Football Club, der derzeit in der League Two, der vierten englischen Liga, kickt. Zu Gast sind heute die Mariners vom Grimsby Town Football Club. Die Fans des GTFC gelten als crazy. Sie verbreiten gute Stimmung und sind sehr reisefreudig. Besonders bei Auswärtspartien erscheinen sie zahlreich und stimmgewaltig. Als ich vor Jahren mal im Urlaub während eines Gespräches den Namen Grimsby erwähnte, verzog meine Gesprächspartnerin angewidert das Gesicht. Sie konnte nicht verstehen, dass man dieser, diplomatisch ausgedrückt, unansehnlicher und nach Fisch riechender Stadt freiwillig einen Besuch abstatten könnte. Nach dem Aufstieg des Clubs aus der National League in die League Two im vergangenen Jahr werde ich das Vorhaben in der kommenden Saison nun endlich umsetzen. Solche Städte interessieren mich. Heute wartete aber zunächst ein Gastspiel der Schwarz- Weißen in London auf mich. Die Vorfreude war groß. Beim Spiel in Doncaster bevölkerten über 4.000 Gästefans eine ganze Tribüne und sorgten damit für eine ziemlich einzigartige Atmosphäre für ein Spiel der vierten Liga.
Grimsby bekam im Vorfeld 700 Tickets für das 1900 Zuschauer fassende Away End des Hive Stadium zur Verfügung. Erwartet wurden allerdings mindestens 1000 Supporter, die ihren Club zum letzten Auswärtsspiel der Saison begleiten würden. Tickets konnten an der Tageskasse problemlos erstanden werden.

Verzichten mussten die Mariners diesmal auf aufblasbare Gegenstände, die sie sonst so gerne mit ins Stadion nehmen. Barnet sprach vor der Partie ein entsprechendes Verbot aus. Begründet wurde die Maßnahme mit Vorfällen aus einer vergangenen Begegnung, bei der die Grimsby Fans unzählige aufblasbare Gegenstände mit ins Stadion brachten. Einige landeten damals auch auf dem Platz. Ausschlaggebend war anscheinend aber der Schlag mit einem Hai auf den Kopf eines Ordners, der das Ganze theatralisch auskostete. Jedenfalls musste Harry Haddock heute zu Hause bleiben. Der Fisch spielt auch bei den Fangesängen eine große Rolle, denn Fisch und Grimsby sind untrennbar miteinander verbunden, war die Stadt doch einst Hochburg der Fischerei. Das Opening bestreiten die Schwarz- Weißen in der Regel mit einer Klatscheinlage, die auf „Fish“ endet. „We only sing when we`re fishing“ gehört ebenfalls zum Standard Repertoire.

Dagegen hat der Barnet FC nicht allzu viel zu bieten. Im Gegensatz zum Gegner von der Nordsee, der zu den ältesten Vereinen der Insel gehört, und zu Beginn auch in höheren Spielklassen unterwegs war, kann Barnet auf keine lange Tradition zurück blicken. Der Verein wurde zwar schon 1888 gegründet, wurde aber erst 1965 zu einem Profiverein. Große Erfolge können nicht vermeldet werden. Die Bees (die Bienen), wie sie auch genannt werden, halten sich überwiegend in der vierten und fünften Liga auf. Ein paar wenige unterklassige Cupwettbewerbe konnten gewonnen werden. Lediglich kein Geringerer als Edgar Davids konnte dem Club vor kurzem zu ein wenig Glanz verhelfen, als er 2012 als Spielertrainer anheuerte. Auch das Stadion gibt leider nicht viel her. Im alten Underhill Stadium kann leider nicht mehr gespielt werden. Zu renovierungsbedürftig das Ganze. Seit 2013 werden die Heimspiele im The Hive Stadium ausgetragen, welches vorher als Trainingsstätte diente und mit neuen Tribünen ausgestattet wurde. Der Ground kommt allerdings ziemlich unharmonisch daher, denn der South Stand ist lediglich eine kleine, überdachte Stehplatztribüne. Die Haupttribüne besteht aus einem Gebäude für die Räumlichkeiten der Clubs, dem ein paar Sitzreihen vorgelagert wurden. Nur zwei der neuen Sitzplatztribünen weisen die gleiche Architektur auf. Neben dem Barnet FC nutzen auch die London Bees (ein Londoner Frauenfußballverein, der aus dem Barnet FC hervorgegangen ist), den Platz. Das Fassungsvermögen liegt bei 6.400 Zuschauern.

Heute sind insgesamt 3247 gekommen, die – sofern sie mit der Bahn gekommen sind- von der Tube Station Canons Park der Jubilee Line an den sattgrünen Trainingsplätzen vorbei zum Stadion wandern. Das Pre Match Bier gibt es hier für die Away Fans mangels entsprechender Versorgungsmöglichkeiten in der Umgebung direkt am Stadion. Lediglich der Pub Moranos und ein Kiosk nahe der Tube Station bieten Unterschlupf für Speis und Trank. Die Gäste waren überall leicht auszumachen, denn Grimsby hatte als Antwort auf die Verbote die Operation Mariachi ausgerufen. Sie kamen entweder in schwarz- weißen Trikots mit Sombrero Hut oder komplett in mexikanischer Verkleidung an den Stadtrand Londons. Insgesamt sollten es 1.200 Gästefans werden. In der Woche vor dem Spiel wurden über eine Crowdfunding Kampagne Tausend Pfund für eine Mariachi Band gesammelt. Der verbliebene Überschuss (mehrere Hundert Pfund) ging an den heimischen Fanclub für gehandicapte und behinderte Supporter. Für Stimmung war also gesorgt. Diesem Vorhaben entgegen kam dann noch das Innere der Gästetribüne: Besteht dieses überwiegend aus einem großen Raum mit Bar. Ein Paradies für englische Auswärtsfans. Die Mariachi Band heizte ein, die Anwesenden nahmen die Steilvorlage gerne an. So fröhlich ging es auch während des Spiels weiter. Es wurde gesungen, getanzt, Polonäsen veranstaltet. Der Spaß stand im Vordergrund. Auch als Barnet in der 20. Minute das 1:0 schoss und kurz vor der Pause auf 2:0 erhöhte. Zwei schöne Tore im sonst durchschnittlichen Viertligaspiel. Das 3:0 nach Anpfiff der zweiten Halbzeit verpassten wir, weil in der Pause unsere Neugierde über Grimsby im Allgemeinen und dem Brexit im Besonderen befriedigt werden sollte. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über den Niedergang der englischen Wirtschaft, vor allen Dingen im Norden des Landes, sowie über die gegensätzlichen Ansichten über den Brexit. Die Brexitfrage konnte natürlich nicht geklärt werden, wohl aber die sinkende Attraktivität Grimsby`s. Viele der Gästefans haben ihre Heimat mangels beruflicher Perspektive längst verlassen und kommen aus allen, vornehmlich den südlichen, Landesteilen zu den Auswärtsspielen wieder zusammen. Vielleicht ist es genau das, was die (ehemaligen) Bewohner der Nordseestadt so ausmacht. Zum Ehrentreffer der Mariners sind wir alle wieder auf der Tribüne und sehen, wie einige jüngere Gästefans das umsetzen, was sie vorher in Gesängen ankündigten: „When Grimsby scored we`re on the pitch“. Sie wurden natürlich des Stadions verwiesen. Alles in allem waren die Sicherheitskräfte aber sehr entspannt und äußerst großzügig in der Auslegung der sonst geltenden, typisch englischen Stadionregeln. Ihr merkt es schon: Auf dem Platz war heute echt Nebensache. 3:1 endete übrigens der bedeutungslose Kick. Beide Teams stehen einen Spieltag vor Schluss der Saison auf einem in beide Richtungen ungefährdeten Mittelfeldplatz.

Und Barnet? War außer bei den drei Toren akustisch nicht wahrzunehmen. Diejenigen, die zumindest sichtbar gejubelt und nach den Toren ein kurzes Lied angestimmt haben, saßen auf der Gegengerade. Es mögen vielleicht 1.000 gewesen sein. Der Rest verteilte sich auf der niedlichen Stehplatztribüne hinter dem Tor oder auf der Haupttribüne. So etwas, wie eine (aktive) Fanszene scheinen sie nicht zu haben. Während die Schwarz- Orangenen den heimischen Saisonabschluss mit Selfies knipsen und Autogramme schreiben zelebrierten, verließ der Rest relativ zügig den zwar netten, aber nicht besonders aufregenden Ort.

Ein Auswärtstag mit Grimsby kann definitiv eine feine Sache sein. Ein Heimspiel ist schon in Planung!

Barnet FC- Grimsby Town FC : Operation Mariachi from Nebensachefussball on Vimeo.

Chant von Grimsby Fans in der Stadion Bar from Nebensachefussball on Vimeo.

Und hier ein ziemlich gutes, umfassendes Video von You Tuber, Groundhopper und Grimsby Town Fan GTFC_92Challenge (auch bei Twitter zu finden):

Stadion am Panzenberg: Beim Bremer SV

Bremer SV – Blumenthaler SV 3:1 25.03.2017 Bremenliga (Oberliga)

Am Wochenende der Länderspielpause Ende März stand das Spitzenspiel der Bremen Liga zwischen dem Bremer SV und dem Blumenthaler SV an. Die Bremen Liga gehört in der Ligen- Hierarchie zu den Oberligen, also zur fünfthöchsten Spielklasse in Deutschland. Der Meister spielt um den Aufstieg in die Regionalliga Nord. Beide Teams gehören quasi zu den Urgesteinen der Liga und gewannen beide die Liga bisher am Häufigsten. Rekordmeister sind derzeit die Blau- Weißen vom Panzenberg. Man kann also wirklich von einem Traditionsspiel oder kleinem Derby sprechen. In den vergangenen Jahren traten beide Teams sowohl in der Liga, als auch im Landespokal immer wieder um die Vorherrschaft in Bremen gegeneinander an. Klar die Nase vorn hat derzeit der Bremer Sportverein von 1906 mit dem dreimaligen Gewinn der Meisterschaft, als auch des Landespokals. Der ganz große Wurf gelang allerdings noch nicht. Der Aufstieg in die Regionalliga wurde bisher gegen die Gegner aus Schleswig- Holstein, Niedersachsen und Hamburg verpasst. Im DFB Pokal war man mit Eintracht Braunschweig, Eintracht Frankfurt und zuletzt Darmstadt 98 zwar Gastgeber von namhaften Vereinen, verlor aber jeweils in der ersten Runde. Beide Ziele befinden sich auch dieses Jahr wieder in greifbarer Nähe. Man steht unangefochten an der Tabellenspitze der Bremen Liga, sowie mittlerweile wieder im Finale des Bremer Pokals. Mit der Bremer Union Brauerei steht ein potenzieller Sponsor für höhere Aufgaben offensichtlich zur Verfügung. Ein der Regionalliga entsprechender Umbau des Panzenberg wäre möglich.
Früher, als alles besser war, spielte der Bremer SV in der höchsten deutschen Spielklasse, der damaligen Oberliga Nord. War bis zum Jahr 1949 auch die Nummer eins in Bremen. Erst Anfang der Fünfziger wurden sie vom SV Werder überholt und dauerhaft als Nummer 1 der Stadt abgelöst. Heute träumen die Anhänger davon, wenigsten einmal mit einer Choreographie bei einem möglichen Pokalspiel gegen den Stadtrivalen daran erinnern zu können. Damals standen sie zuletzt an einem Spieltag vor den Werderanern in der Tabelle.

Das Stadion am Panzenberg im Bremer Stadtteil Walle erreicht man vom Bahnhof aus gut zu Fuß nach einem ca. zwanzigminütigen Spaziergang durch die Bremer Wallanlagen. Wer mit dem Auto kommt, parkt direkt unter den Brücken der Bremer Stadtautobahn. Über das Fassungsvermögen gibt es unterschiedliche Angaben. Auf der Vereinshomepage wird es mit heute zugelassenen 5.000, davon 320 Sitzplätze, angegeben. Ein paar Hundert mehr würden allerdings problemlos hineinpassen. Heute sind es immerhin 400 Zuschauer, die bei herrlichem Frühlingswetter und ohne Konkurrenzveranstaltungen höherer Ligen, den Weg zur Anlage finden. Man freut sich über die Warteschlange am Kassenhäuschen. Dort erzählt mir ein Rentner von „früher“. Er ist wirklich schon lange dabei. Nur mit dem „heute“ hapert es ein wenig: Will er mir weiß machen, dass der BSV um den Aufstieg in die Oberliga und nicht in die Regionalliga spielt. Schließlich einigen wir uns zumindest darauf, dass die Bremer in der 5. Liga spielen.
Es erwartet mich ein reines Fußballstadion ohne Laufbahn mit einer überdachten Stehplatz- Haupttribüne mit mehreren Stufen, denen unterhalb drei oder vier Reihen Sitzschalen vorgelagert sind. Alles etwas verlottert, die Rückwand mit nettem Graffiti verschönert, ich fühle mich gleich wohl.
Gegenüber gibt es eine nicht überdachte Stehplatztribüne mit rund 12- 14 Stufen. Am Eingang steht ein blaues Gebäude mit Umkleidekabinen und kleinem Clubheim. Davor werden am Grill Bratwurst & Co, am Getränkehäuschen frisch Gezapftes und an einem weiteren, kleinen Büdchen Fanartikel feilgeboten. Also alles, was man für einen ordentlichen Fußballnachmittag so braucht. Die Mehrzahl der Besucher nimmt heute auf der Gegengeraden Platz und tankt Sonne. Ich geselle mich als erstes zu den „Alten“ auf der Haupttribüne, um mehr über den Verein zu erfahren: Natürlich würden sie gerne in die Regionalliga aufsteigen, aber die Gegner aus den anderen Ligen sind einfach stärker einzuschätzen. Die Bremen Liga kann mit dem Niveau der Oberliga Niedersachsen und Hamburg nicht ganz mithalten. Auch heute sind die Gäste ihrem Gegner überlegen, obwohl drei Stammspieler zunächst auf der Bank sitzen. Ob ein Klassenerhalt nach einem Aufstieg in die Regionalliga überhaupt möglich wäre, wird auch bezweifelt. Die beiden Aufsteiger der vergangenen Saison stehen bereits wieder auf einem Abstiegsrang. Es ist fast überall das Gleiche: Es fehlt eine gewisse Finanzstärke.

Ebenso ärgerlich sind die Statuten bei einer Teilnahme am DFB Pokal. Das Heimspiel gegen Darmstadt 98 durfte offensichtlich aufgrund zu kleiner und nicht entsprechend ausgestatteter Schiedsrichterkabinen nicht am Panzenberg stattfinden. Alle anderen Hindernisse hätte man gelöst. Auch die Darmstädter hätten sich mit den örtlichen Begebenheiten zufrieden gegeben. Gespielt wurde aber im Stadion von Oberneuland. So wird die Teilnahme kleinerer Vereine am DFB Pokal eigentlich doch zur Farce.

Als das 2:0 fällt, wird es besonders bejubelt. Es ist nämlich das 100. Tor der Saison und unterstreicht die Überlegenheit der Waller in ihrer Liga. Der Stadionsprecher lässt seine Torfanfare spielen (zugegeben etwas gewöhnungsbedürftig) und hängt die Nummer Zwei an die Anzeigetafel, oder wie man die schlichte Vorrichtung auch immer nennen mag. Heute bekommen die Gäste aus Blumenthal kaum Zugriff auf das Spiel. Die Blau- Weißen, die komischer Weise nicht nur heute in rot- weißem Dress spielen, haben das Spiel im Griff. Auch, wenn den Gästen in der 32. Minute der Anschlusstreffer zum zwischenzeitlichen 2:1 gelang und in der zweiten Halbzeit die ein oder andere Torchance herausgearbeitet wurde. In der letzten Minute erzielte der koreanische Neuzugang Sung Huyn Jung seinen umjubelten ersten Treffer für die Bremer zum 3:1 Endstand. Dafür benötigte er offensichtlich bis zu diesem Zeitpunkt aber eine Vielzahl von Möglichkeiten, erfahre ich von einem Mitglied der Fangruppe „Hauptsache Blau“, die sich aus „jüngeren“ BSVern mit einer politisch korrekten Einstellung zusammensetzt und eher auf der Gegengeraden anzutreffen ist. Zumindest bei gutem Wetter. Es gibt also am Panzenberg genügend Leute, die dem kleinen Traditionsverein reichlich Leben einhauchen. Auch deswegen hätte er im Ligaalltag mehr Zuschauer verdient, als ihm momentan zu Teil wird.

Und die Blumenthaler? Sie hatten eine kleine Gruppe „Verhaltens auffällige“ jüngerer Leute dabei, die sich eher wie ein Junggesellenabschied als halbwegs interessierte Fußballfans benahmen und daher von den Blauen zwischenzeitlich eine Ansage benötigten. Irgendeinen nennenswerten Support bekamen sie nicht hin. Die Heimfans allerdings auch nicht wirklich.

Obwohl es am gut organisierten Bierstand frisch Gezapftes gab, hatten Viele ihre eigene Getränke dabei: Sogar ganze Kisten! Ansonsten würde ich das Catering mit üblichem Grillgut als guten Durchschnitt bezeichnen. Kuchen gab es keinen. Auch im verrauchten Clubheim nicht. So etwas gibt bei mir leichten Punktabzug. Dennoch: Große Mühe geben sich hier alle!
Erst recht diejenigen vom BSV Late Night. Produzieren sie doch regelmäßig Sendungen und Interviews rund um den Bremer SV und der Bremen Liga. Zu sehen und zu hören auf verschiedenen Medienkanälen wie z.B. You Tube oder Soundcloud. Vielleicht wird dort demnächst geklärt, warum Blau- Weiß auffällig oft in Rot- Weiß spielt…Diese Frage konnte nämlich keiner beantworten.

Mit einem weiteren Stadiontipp verlasse ich den sympathischen Ort: Das Finale um den Bremer Landespokal wird alljährlich im Stadion Egon- Kähler Straße des TuS Komet Arsten ausgetragen. Soll sich neben dem Platz vom FC Oberneuland durchaus lohnen.

Ährwin wird ermahnt- Das 172. Revierderby

FC Schalke 04 – Borussia Dortmund 1:1 Bundesliga 01.04.2017

Wenn der größte Aufreger des Tages eine aufgesetzte Maske eines Dortmunder Spieler während des Torjubels ist und die Schalker in den Netzwerken ihr Maskottchen „Ährwin“ abfeiern, war das 172. Revierderby wohl nicht besonders aufregend. Und in der Tat, irgendwie fehlte die Würze. Die Gäste aus Dortmund waren ohnehin der Favorit. Hauptsache nicht verlieren, war das Ziel der meisten Schalker. Zu inkonstant sind derzeit die Darbietungen der Blau- Weißen. Aber in einem Derby ist erfahrungsgemäß alles möglich. Auf dem Platz konnte die 1. Halbzeit nur bedingt mitreißen. Es mangelte an echten Höhepunkten auf beiden Seiten. Aus Schalker Sicht konnte man aber zufrieden sein. In der zweiten Halbzeit erarbeiteten sich die Borussen dann klare Feldvorteile. Nach dem 1:0 der Gäste gab es zwei weitere gute Einschussmöglichkeiten um das Ergebnis zu erhöhen. Nachdem sich die Blau- Weißen wieder sammeln konnten, nahm das Spiel in den letzten zwanzig Minuten so richtig Fahrt auf. Dem Schalker Nachwuchstalent Kehrer gelang in der 77. Minute mit einem trockenen Schuss wie ein Strich ins untere linke Eck der Ausgleich. Große Erleichterung! Jubel! Der Druck auf das Dortmunder Tor wurde größer, aber der Siegtreffer wollte nicht gelingen. Dabei hätte es durchaus einen Handelfmeter geben können, nachdem Bartra im Strafraum der Ball an die Hand gesprungen war. Schiri Zwayer, sowieso nicht der Souveränste heute, pfiff aber nicht. Schade!

Immerhin kam zum Schluss dadurch noch einmal richtig Derby Stimmung auf. Die war auf Seiten der Nordkurve natürlich über dem Durchschnitt (und der ist erfahrungsgemäß im Allgemeinen schon ziemlich hoch), aber gekocht hat die Arena diesmal nur beim Ausgleich. Sowohl der Spielverlauf, als auch der Gegner gaben mehr nicht her. Der nämlich musste wiederholt ohne seine Ultragruppen anreisen (diese haben seit dem Derby 2013 ein umfangreiches Aufenthaltsverbot am Spieltag), was sich im Support der Gäste erheblich niederschlug. Der Support war eines Derby mehr als unwürdig. Kurz gesagt: Richtig schlecht! Zum ersten Mal überhaupt wahrnehmbar waren die rund 6.000 Schwarz – Gelben erst zum Führungstreffer. Auf optische Stilmittel wurde so ziemlich gänzlich verzichtet. Da sieht man mal, was so Ultras alles ausmachen. Der Rest kann eine derartige Lücke von heute auf morgen leider auch nicht füllen. Daher war es auch während der An- und Abreise rund um das Spiel erheblich unaufgeregt. Die Medien hatten also diesbezüglich nichts groß auszuschlachten und stürzten sich stattdessen auf die Maske (siehe oben) und den nicht gegeben Elfmeter. Nun denn, mehr war eben nicht…

Einzig und allein Maskottchen Ährwin versuchte ein wenig Stimmung in die Bude zu bringen: Legte sich erst am Gästeblock mit den „Feinden“ an und wurde prompt mit Bier besudelt. Nach Abpfiff nahm er Schiri Zwayer auf den Arm: Zeigte ihm die Rote Karte, die dieser kurz zuvor Nähe der Eckfahne verloren hatte. Nicht mehr als ein Spaß, den Zwayer als solchen aber nicht verstand: Nach einem „Sonderbericht“, wollte der DFB zunächst ermitteln. Zum Totlachen, meinten zurecht die Schalker, und kündigten die Teilnahme einer öffentlichen Verhandlung im Ährwinkostüm an. Daraufhin beließ es der Verband bei einer Ermahnung und umging damit vermutlich tagelangen Spott.

Das persönliche Derby- Wochenend- Begleitprogramm führte diesmal auf das Gelände der Zeche Ewald und dem daneben liegenden Haldengelände Hoheward, eines der größten in Europa. Dort kann man nicht nur hervorragend Mountainbiken, sondern auch einen wunderbaren Blick auf das Ruhrgebiet werfen. Von diesen begrünten bzw. landschaftlich hergerichteten ehemaligen Kohlehalden gibt es im gesamten Umkreis stolze vierundvierzig. Schöne Aussicht garantiert und oft künstlerische Elemente integriert. Die bekanntesten sind die Halde Beckstraße mit Tetraeder, Heinrich-Hildebrand-Höhe mit Tiger & Turtle sowie Halde Hoheward mit Obelisk und Horizontal-Sonnenuhr. Für ein Haldenhopping (per Pedes oder Rad) empfiehlt sich der „Haldenführer Ruhrgebiet“. Ich hab` ihn mir gekauft.

Weil es so schön ist: Das Steigerlied from Nebensachefussball on Vimeo.

Blau und weiß wie lieb ich dich from Nebensachefussball on Vimeo.

Ole Ole FC Schalke 04 from Nebensachefussball on Vimeo.

Berlin Liga: Füchse Berlin Reinickendorf – 1. FC Wilmersdorf

Füchse Berlin Reinickendorf – 1. FC Wilmersdorf 2:0 Berlin Liga 12.03.2017

Von den Reinickendorfern Füchsen hat so ziemlich jeder Fußballfan schon irgendwie mal gehört. Ich selbst hatte sie nach meiner Erinnerung sogar für kurze Zeit in die 2. Liga verortet, was aber nicht stimmt. Die Füchse Berlin Reinickendorf e.V. BTS von 1891 (so heißen sie seit 2012) waren nur zweimal ganz kurz davor, scheiterten aber in den Aufstiegsspielen zum Ende der Saisons 1989 und 1990. So spielten die Berliner je nach Ligareform in den verschiedenen Ligen in Level 3 bis 6: Ab 1974 in der Oberliga Berlin. Später, bis zum Zwangsabstieg 1998, in der Regionalliga Nord. Bis auf drei weitere Jahre in der Oberliga und sogar einem Jahr in der Landesliga sind die Füchse nun fester Bestandteil der Berlin Liga (der 6. Liga der derzeitigen Ligenhierarchie). Mit besonderen Erfolgen können die Fußballer der Füchse jedenfalls nicht aufwarten. Bekannter und erfolgreicher sind dagegen die Handballer, die es sogar bis auf die europäische Ebene schaffen. Die Profi Handballer sind allerdings natürlich eine aus dem Hauptverein ausgegliederte Gesellschaft.

Schlechte Vorbereitungen rächen sich beim Hoppen in den unteren Ligen meist sofort. So auch diesmal: Sowieso schon schlecht in der Zeit landeten meine Begleitung und ich zunächst in der Nähe der eigentlichen Spielstätte an den Kunstrasenplätzen der Füchse an der Arosa Allee. Dort fand zwar ein Spiel vor ganzen fünf Zuschauern statt, aber ohne Beteiligung der Füchse. Wir verwickelten kurzerhand eine Gruppe Aktiver beim After Match Bier in ein Gespräch über den möglichen Standort der von mir gesuchten Spielstätte. Siegestrunken gaben sie an, dass sie, die Wilmersdörfer schon um 12:00 Uhr gegen die Füchse gespielt und 6:0 gewonnen haben. Spielverlegungen dieser Art, kann es gerade in unteren Ligen durchaus mal geben, aber einschlägige Internetseiten gaben weiterhin 14:00 Uhr als Anstoßzeit an. Ich blieb hartnäckig, bis sich heraus stellte, dass die Jungs nicht beim 1. FC Wilmersdorf in der Berlin Liga ihre Fußballschuhe schnüren, sondern bei Knallrot Wilmersdorf in der Senioren Ü32 Bezirksliga. Wir zogen schließlich mit den richtigen Informationen ausgestattet von dannen und ließen gespielt enttäuschte Wilmersdorfer (weil wir nun doch nicht zu ihrem Spiel wollten) zurück. Obwohl „Knallrot Wilmersdorf“ (von Studenten in den Siebzigern als reiner Hobbyverein gegründet) mit einem roten Stern im Vereinswappen und offenem Bekenntnis gegen Rassismus und Diskriminierung ein durchaus mal besuchenswerter Verein wäre.

Viel zu spät erreichten wir nach einem weiteren Spaziergang somit die echte Spielstätte der Grün- Roten am Sportplatz Freiheitsweg, auch Fuchsbau genannt. Hier tragen die Reinickendörfer nun schon seit über einem halben Jahrhundert ihre Heimspiele aus. Der Platz (ohne Laufbahn) fasst immerhin 3000 Zuschauer und liegt in einem Wohngebiet. Sogar 300 Sitzplätze werden ausgewiesen. Diese bestehen allerdings aus einer ebenerdigen Reihe Holzbänke jeweils längs des Spielfeldes. Dahinter befinden sich auf der „Haupttribüne“ fünf Stufen Stehplätze und auf der anderen Seite zwei Stufen. Gegen Regen und Sonne von oben sind auf der einen Seite ein paar Sonnenschirme aufgestellt. Ein sichtbarer, aber offener Bereich hinter der Trainerbank der Gäste wird als „Gästebereich“ ausgewiesen. Wenn es heute tatsächlich Gäste waren, die sich dort aufhielten, waren es so ungefähr zehn Handverlesene. Wir platzierten uns hinter der Trainerbank der Füchse zwischen den 65 Heimfans (insgesamt waren es 75) und befanden uns somit mitten im Geschehen. Den Spielverlauf kann ich gar nicht richtig wiedergeben. Das ganze Drumherum lenkte mich zu sehr ab: Der Charme der Anlage, das Wiederholen der über den Zaun geschossenen Bälle, die oft lauthals hervorgetragenen Kommentare der Stammgäste, das Geschehen auf der Trainerbank usw. Das bedeutet aber auch gleichzeitig: Es war unterhaltsam hier!
Das Spiel gestalteten beide Teams offen, mit leichten Feldvorteilen für die Gäste in der zweiten Halbzeit. Alles nett anzusehen. War auf jeden Fall kein Rumpelfußball. Soweit zumindest meine Erinnerung. Die Wilmersdorfer nutzten ihre Chancen zum 1:1 Ausgleich aber nicht, verloren gegen Ende der Partie immer mehr an Spielanteilen und in der Schlussminute nach einem sehenswerten Freistoßtor der Gastgeber mit 2:0. Die Anzeigetafel wurde in den Schlussminuten nicht mehr bedient. Manchmal auch nicht bei Gegentoren, wurde ich aufgeklärt. Dort blieb es beim 1:0 aus Halbzeit 1.

Erwähnenswert ist auch das Catering. Die Fuchstränke lässt nur wenige Wünsche offen. Es gibt zwar kein Kuchen, dafür frischgezapftes Bier, Bratwurst und Hamburger. Letztere (frisch und handgefertigt) sind tatsächlich über die Grenzen der Hauptstadt, na ja, sagen wir mal lieber des Freiheitsweges hinaus bekannt- so Augenzeugen. Wir bekommen noch ein paar weitere Empfehlungen zum Hoppen in Berlin und ziehen zufrieden davon. Klare Besuchsempfehlung!

England statt Fasching Teil 2: Tottenham Hotspur

Tottenham Hotspur- Stoke City 4:0 Premierleague 26.02.2017

Da es innerhalb der nächsten Wochen an dieser Stelle von mir noch einen großen Artikel über die letzten Tage der White Hart Lane geben wird, halte ich den Spielbericht mal etwas kürzer. Durch diese unsägliche für die letzte WHL Saison vom Verein festgelegte Ticketverlosung unter den Mitgliedern hatten wir zum ersten Mal seit Jahren keine Plätze auf dem South Stand oder den angrenzenden Blöcken auf dem East Stand, den „Heimtribünen“ der Spurs. Dort wird nämlich in Nachbarschaft zu den Gästefans gestanden und entsprechend Stimmung erzeugt. Wir mussten uns mit Tickets auf dem gegenüberliegenden North Stand Upper zufrieden geben und dabei auch noch sitzen. Das macht alles, nur keinen Spaß! Ein Grund, warum ich bisher in dieser Saison auf ein Heimspiel der Lillywhites verzichtet habe. In der kommenden Saison trägt Tottenham wahrscheinlich alle seine Heimspiele im Wembley Stadium aus. Es geht also noch schlimmer. Während der dort gespielten Championsleague und Europaleague Spiele war die Atmosphäre in der 90.000 Zuschauer fassenden Arena alles andere als halbwegs mitreißend. Mit den langjährigen Dauerkarten Inhabern als Sitznachbarn auf der Nord hatten wir dennoch Glück: Es entwickelte sich ein reger Austausch „Ich habe hier schon Jürgen Klinsmann gesehen“ und ein wenig gesungen wurde auch. Stemmen, als Newbie an der Lane, war sehr zufrieden. Wir beide vom Spielverlauf. Ein lupenreiner Hattrick von Stürmer und Nationalspieler Harry Kane („He`s one of our own“) und das 4:0 durch Jungstar Delli Alli (aufgrund seiner schweren Kindheit verzichtet Alli selbst auf die Nennung seines Familiennamen Alli) sorgte in der ersten Halbzeit für ganz klare Verhältnisse. Die Spurs waren an diesem Tag in bester Spiellaune und ließen den Gästen durch ihr schnelles Umschaltspiel mit klugen Pässen keine Chance. In der zweiten Halbzeit wurden die Kräfte geschont. Langweilig wurde es dadurch dennoch nicht. Peter Crouch, ehemals für die Spurs aktiv und heute bei Stoke unter Vertrag, wurde bei seiner Auswechselung gebührend mit Applaus und „Hero“ Rufen verabschiedet. Schlussendlich fuhren die Spurs ihren achten Heimsieg in Folge ein. Schade eigentlich, dass die Konkurrenz aus dem Westen der Stadt (Chelsea) bereits uneinholbar die Tabelle anführt.

Die üblichen Pre- Pints, obwohl gefühlt gerade erst gefrühstückt, nahmen wir, passend zum Beruf meines Mitfahrers, im Bricklayers Arms (meinem Lieblingspub in Tottenham) und danach im No.8 direkt am Stadion ein. Das No. 8 hat den größten Biergarten von allen und ist daher nicht so beengt wie das Bricklayers Arms. Dafür wird dort weniger gesungen. Außerdem waren wir dort mit ein paar Spurs Fans verabredet, die wir beim Europaleague Spiel in Dortmund kennengelernt haben. Immer wieder interessant zu sehen, mit welcher schier unglaublichen Frequenz die Engländer ihre Pints vernichten. Ich bekäme dermaßen betankt vom Spiel nicht mehr viel mit…
Der Neubau der White Hart Lane, oder besser der xy-Arena (der Name des Stadions wird definitiv verkauft) schreitet unaufhörlich voran. Das Monstrum von Bauwerk verändert den Stadtteil gigantisch. Wer Tottenham kennt, weiß, dass das Neubauensemble mal so gar nicht in die vorhandene Stadtteilstruktur passt. Es soll aber Leute, Geld und Arbeitsplätze dorthin hinbringen, wo es zumindest wirklich nötig ist. Die alten Gebäude an der High Road am Bill Nicholson Way (der ehemaligen Zufahrt zur Haupttribüne) wurden bereits dem Erdboden gleichgemacht. Nur ein denkmalgeschütztes Haus bleibt stehen und wird in die Fassade der Mantelbebauung integriert. Die Treppenhauskerne und statisch relevante Teile der Tribüne sind schon sehr weit fortgeschritten, mit den Betonfertigsteilen der Stufen wurde begonnen. Rund zwei Drittel der Arena entstehen neben der Alten, der Rest nach dem Abriss der WHL im Sommer. Es wird ein trauriger Moment.

Nach Abpfiff musste alles relativ zügig gehen, um rechtzeitig am Flughafen Stansted anzukommen. Über die Bahnstation White Hart Lane ging es erst zur Liverpool Street um das Gepäck einzusammeln und dann mit dem Stansted Express zum Flughafen. Der Weg über die Tube Station Seven Sisters ist zwar interessanter, weil man den besonderen Charme des Stadtteils noch mal mitnehmen kann, dauert aber wesentlich länger. Wer Zeit hat, sollte sich vor oder nach dem Spiel aber auf jeden Fall mal einen Eindruck von Tottenham verschaffen. Das Gegenteil vom schicken West End bei Chelsea oder Fulham! Wer kein Gepäck hat und/ oder sein Rucksack an der Theke im Pub No.8 abgeben möchte, kann ab der Station Tottenham Hale zum Flughafen Stansted fahren, was wesentlich schneller geht. Seit einiger Zeit gibt es für den recht teuren Stansted Express Frühbucherangebote, die man wahrnehmen sollte. Die Tickets haben keine Zugbindung. Und noch ein Tipp: Immer am Flughafen Stansted (insbesondere an Sonntagabenden) genügend Zeit für den Sicherheitscheck einplanen. Kann auch mal schief gehen. Sicher brachte uns der Billigflieger, der so gerne Gewinnlose verkauft, in einer nagelneuen Boeing mit modernen Kabinenlichteffekten zurück nach Hamburg. Bis zum nächsten Mal, London!

England statt Fasching: Beim Gillingham FC und Tottenham Hotspur

Bis zum Mittag war fast alles Routine:
Frühflug Hamburg- Gatwick ganz easy, mit einem günstigen Off- Peak Bahn Ticket mit Ziel London Bridge einfach zur Victoria Station gefahren und dort geschickt die Durchgangssperre umgangen. Weiter mit der Tube zum Kings Cross. Dort Full Englisch Breakfast im Lieblingscafe Cappadocia Cafe & Bistro (Grays Inn Road) eingenommen. Weiter nach Stratford zum Stammhotel (Travel Lodge Stratford), mit einem kleinen Abstecher zum Fred Perry Shop im dortigen Westfield Shopping Center. Bis auf den für einen unscheinbaren Wintersamstag ungewöhnlich großen Andrang vor der Sicherheitsschleuse am Hamburger Flughafen und der ebenso ungewöhnlichen Endlosschlange an der Passkontrolle in Gatwick lief also alles nach Plan. Zufällig mit an Bord war das A und B- Team der Harbor Girls (St. Pauli Rollerderby Teams), die in Croydon und London drei internationale Begegnungen austrugen und alle drei gewannen.

Gillingham FC – Southend United 2:1 League One 25.02.2017

Gegen 12:40 sitzen wir schon im Zug nach Gillingham in der Grafschaft Kent. Ich bleibe meiner Linie treu, keine zwei Premier League Spiele an einem Wochenende zu sehen. Da die Auswahl von nicht besuchten Grounds in London nicht mehr besonders groß ist, fiel die Wahl auf die Dritt-Liga Partie Gillingham Football Club gegen Southend United. Southend hatte ich schon mal besucht und fand den Club dort ganz sympathisch. Mal sehen was die „Shrimpers“ auswärts drauf haben. Die Zugfahrt an die Themsemündung, rund 50 Kilometer östlich von London, ist nach einer guten halben Stunde mit wenig Aussicht auf die beschauliche Grafschaft Kent, dafür mit mehreren Tunneldurchfahrten, schnell vorbei. Mit an Bord sind einige Southend Fans, sowohl aus London, als auch Zugestiegene. Obwohl sich die beiden Städte an der Themse quasi gegenüber liegen, ist ein größerer Umweg über eine Themsebrücke erforderlich. Gemäß dem englischen Stadionführer von Duncan Adams soll Gillingham so etwas wie „Das Heim der schreienden Männer“ bedeuten. Wir waren gespannt, ob das zumindest beim Fußball zutrifft.

Den Gillingham Football Club gibt es seit 1893 (zunächst als New Brompton Football Club, ab 1913 dann als Gillingham FC) und hat noch überhaupt nie irgendetwas Nennenswertes gewonnen. Er pendelt seit jeher zwischen der dritten und vierten englischen Liga hin und her. Nur einmal, ab dem Jahr 2001, spielten die Blau- Weiß- Schwarzen für vier Jahre in der zweithöchsten englischen Liga. Im Gegensatz zu Southend United besitzen sie noch nicht einmal einen Spitznamen, an dem man sich reiben kann. Ihr Priestfield Stadium (Fassungsvermögen 11.580 Sitzplätze) ist bis heute unvollendet. Es wurde seit Ende der Neunziger komplett umgebaut. Dort, wo früher die Stehplätze des Gillingham End waren, steht seit Jahren eine unüberdachte Behelfstribüne, mit der die Gästefans vorlieb nehmen müssen. Immerhin weisen noch Flutlichter den Weg durch das enge Wohngebiet. Einen gewissen Charme kann man dem Ground deswegen nicht abstreiten. Die Reihenhäuser überragen so eben die alte, niedrige Haupttribüne. Ein schöner Ausblick.
Zu Gast sind heute die „Shrimpers“ von der gegenüberliegenden Seite der Themsemündung, die ich mal im Dezember 2015 besucht habe. In Deutschland würden die Medien das Spiel vermutlich als Themsemündung- Derby vermarkten. Hier ist es ein ganz normales Aufeinandertreffen. Die jeweiligen Rivalen sind andere. Auch Southend United ist eines der Teams, die sich hauptsächlich in den Ligen drei und vier aufhalten. Nur zwei Jahre durfte man ab der Saison 2006/07 in der zweiten englischen Liga mitmischen. Der quasi größte Erfolg der Vereinsgeschichte ist aber die zweimalige Finalteilnahme der Football League Trophy in 2004 und 2005.

1.760 Southend Supporter fanden den Weg heute ins Priestfield Stadium. Eine beachtliche Zahl für eine unüberdachte Tribüne an einem wettertechnisch eher abschreckenden Tag. Ob „Sammy the Shrimp“, mal zu den zehn hässlichsten Maskottchen der Liga gewählt, am Start war, konnten wir nicht ausmachen. Bei der üblichen Stadionumrundung brauchte der Chef Stewart etwas mehr Aufmerksamkeit, stellte sich Faxen machend in das Bild und verwickelte uns mit einigen wenigen deutschen Sätzen in ein Gespräch. Mein Mitfahrer machte sein erstes Selfie in seinem Leben mit einem Ordner überhaupt. Nett sind `se ja oft auf der Insel. Wir entschieden uns für Tickets im überdachten Heimbereich auf der Hintertortribüne und kauften uns Karten in der zweitobersten Reihe, in der Hoffnung stehen zu können, was dann auch klappte. Das Pre- Bier genehmigten wir uns im hauseigenen Pub im Bauch der Haupttribüne, bevor wir das Rainham End betraten. Das kulinarische Angebot war für englische Verhältnisse sensationell. Bekommt man in der Regel außer trockenen Pies oder Schokoriegeln nicht viel, wird hier gleich eine ganze Fressmeile mit Asian Food, Pizza, Pub Food usw. angeboten. Genutzt wird sie vom gemeinen Fan allerdings nicht. Dieser verschwindet in der Halbzeit lieber schnurstracks im Pub, um die 15 Minuten Pause sinnvoll am Bierhahn zu verbringen. In der Mitte der Tribüne standen vielleicht 100 Supportwillige, die ein paar typisch englische Fan Chants zum Besten gaben. Ansonsten war der Support für die Anwesenheit von 6.542 Zuschauern nicht schlecht, aber sehr spielbezogen. Nur bei den Toren kam mal so etwas wie Stimmung auf. Ansonsten werden halt alle Spielsituationen aufmerksam verfolgt und eingehend kommentiert. Das höhere Durchschnittsalter der Anwesenden tut sein übriges. Freiräume für junge Leute gibt es im englischen Fußball kaum, so dass es diesbezüglich eindeutig an Fannachwuchs mangelt. Dem „Heim der schreienden Männer“ wurden sie also nicht gerecht. Der Support der Gäste war ebenso durchschnitt.

Der eigentliche Favorit aus Southend on Sea (ist beim Kampf um die Aufstiegs Relegationsplätze dabei) bekam heute überhaupt keinen Zugriff auf das Spiel. Von Anfang an dominierte das Team aus Gillingham, welches die Punkte im Kampf gegen den Abstieg auch dringend benötigt. Das Spielniveau war im Vergleich zu unserer 3. Liga im unteren Bereich anzusiedeln. Spielerische Elemente waren die Seltenheit. Wir sahen eher einen typischen Kick and Rush. Die Gills schossen bereits kurz vor der Halbzeit mit einem Doppelschlag von Josh Wright (das 1:0 per Elfmeter) den Sieg heraus. Die in leuchtend Rosa gekleideten Shrimpers hatten, durch eine Gelb- Rote Karte dezimiert, auch in der zweiten Hälfte keine Antwort. Es reichte nur in den Schlussminuten für einen Anschlusstreffer. Nach Abpfiff leerte sich der Ground, wie üblich, schlagartig und auch für uns ging es nach Spielschluss relativ zügig wieder zurück in die Metropole.
Wir hatten eigentlich noch eine dringende Angelegenheit zu erledigen: Sänger und Leadgitarrist Stemmen von der Punkband Notgemeinschaft Peter Pan wollte sich unbedingt in Front der Peter Pan Statue im Kensington Park fotografieren. Das Vorhaben scheiterte allerdings kläglich. Viel zu spät im Dunkeln angekommen standen wir frustriert vor einem mit Ketten gesicherten Eingang des komplett umzäunten, riesigen und stockfinsteren Park. Schade! Ausklingen ließen wir den Abend in Soho in einem der vielen typischen „all you can eat“ Asiabuffet-Restaurants, in denen auf zwei Etagen gefühlte 100 Leute auf fünfzig Quadratmetern, wie die Hühner auf der Stange, für zehn Pfund im ungemütlichen Ambiente im Schnelldurchgang bergeweise Nudeln vertilgen. Für ein ordentliches Pint Lager nebenan bis zur Last Order war natürlich auch noch Zeit.
Am anderen Morgen trauten wir unseren Augen nicht: Die Notgemeinschaft Peter Pan scheint sogar in London bekannt. Auf jeden Fall säumten viele Aufkleber den Weg in Stratford…

… der zweite Teil mit Tottenham Hotspur- Stoke City folgt in Kürze.

Amateurtour Teil 4: Im Berliner Osten beim SV Lichtenberg 47

SV Lichtenberg 47 – 1. FC Frankfurt/Oder 2:1 18.02.2017 Oberliga Nordost Nord

Hoppen in heimischen Gefilden und in unteren Ligen ist im Winter Glücksache. Eigentlich war die HOWOGE Arena „Hans Zoschke“, Berlins zweitgrößtes reines Fußballstadion das Ziel. Eines der letzten relevanten Grounds in Berlin, die ich noch nicht besuchte. Immerhin fiel nicht das komplette Spiel, sondern nur der Austragungsort dem nicht Fußball kompatiblen Witterungsbedingungen zum Opfer. Gespielt wurde, aber auf dem Kunstrasenplatz an der Bornitzstraße. Beide Gründe führten vermutlich zu einer Minuskulisse. Nur 131 Zuschauer wollten den Auftakt der Oberliga Rückrunde beiwohnen. Sonst sehen immerhin durchschnittlich rund 270 Freunde des Amateur Fußballs die Spiele des SV Lichtenberg. Ich finde, sie haben mehr verdient.

Der SV Lichtenberg 47 wurde, wie sein Name schon verrät, nach dem Krieg im Jahr 1947 neu gegründet und befindet sich im Ost- Berliner Stadtteil Lichtenberg in direkter Nachbarschaft zum Stasi Museum, der ehemaligen Stasi- Zentrale (nicht zu verwechseln mit der heutigen Gedenkstätte in Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi- Gefängnis).

Der Verein war nie besonders erfolgreich, spielte nur einmal in der DDR Oberliga. Er wurde nämlich im Gründungsjahr 1950 dort eingegliedert, stieg aber postwendend wieder ab. Es folgten Jahrzehnte zwischen der DDR Liga (zweithöchste Liga der DDR) und der Bezirksliga. Die größten Erfolge waren mehrere Ost- Berliner Meisterschaften. Immerhin! 1969 fusionierte der SV 47 mit einer Betriebssportgemeinschaft und nannte sich bis zum Jahre 1990 fortan BSG EAB Lichtenberg 47 (Elektro und Anlagenbau). Viele Fanartikel tragen aus (n)ostalgischen Gründen noch heute den Namen.
Auch nach der Wende gab es ein stetiges auf und ab zwischen den Berliner Liga- Hierarchien. Von der NOFV Oberliga bis zur Landesliga waren alle dabei. Seit nunmehr viereinhalb Jahren hat der Club sich in der Oberliga Nordost Staffel Nord etabliert.
Der heutige Gegner hat eine ziemliche kuriose, aber nicht seltene DDR-Vita, vorzuweisen: 1951 in Leipzig als Vorwärts Leipzig gegründet, 1953 nach Berlin „umgezogen“ und dann nach Frankfurt/ Oder verpflanzt. Natürlich durfte „der Verein der Volksarmee“ auch mehrfach DDR Oberliga Meister und FDGB Pokal Sieger werden. Allerdings nur so lange sie in Berlin beheimatet waren. Danach reichte es für den mehrfach umbenannten Verein nur für zweite Plätze. Seit der Wende pendeln die Frankfurter bis heute zwischen der Oberliga Nordost und der Brandenburg Liga hin und her. Erst zu Beginn dieser Saison stieg der 1. FC Frankfurt wieder in die Oberliga auf, wird sich aber nur schwer dort halten können. Man ist der derzeit Schlusslicht der Tabelle.

Nach einem interessanten Spaziergang von der U – Bahn Station Magdalenenstraße am eigentlichen Stadion und vielen Gebäuden herrlichster DDR- Architektur vorbei war der Platz an der Bornitzstraße schnell erreicht. Überraschender Weise gelang dem Tabellenletzten aus Frankfurt die Führung in der 22. Minute, die aber relativ schnell von den Gastgebern ausgeglichen werden konnte. In der zweiten Halbzeit gingen die Lichtenberger durch einen berechtigten Foulelfmeter 2:1 verdient in Führung und hatten auch in Folge noch mehrere Gelegenheiten, den Sieg höher ausfallen zu lassen. So bleiben die Rot-Weißen auf Tuchfühlung mit der Tabellenspitze. Ambitionen in die Regionalliga aufzusteigen haben sie aber nicht wirklich. Es ist überall dasselbe Thema: Das fehlende Geld. Insbesondere für einen Ausbau der Arena zu einem Regionalliga tauglichen Stadion. Hier wären nach Auskunft anwesender Zaungäste rund 300.000 Euro und Hilfe des Sportamtes nötig. Oder war die Anwesenheit des neuen Lichtenberger Bürgermeisters ein Zeichen in die richtige Richtung?

Aber Spaß haben sie in Ost Berlin trotzdem: Sie erzählen von alten Zeiten: „Als Erick Mielke grüßend die Tribüne betrat, hat der Schiri Elfmeter gepfiffen. Deswegen ward ihr (der BFC) zehn Mal Meister und wir (Union) nur een mal Pokalsieger.“ Vertreiben sich die Zeit mit Ratespielen: „Wer kann drei ehemalige russische Nationalspieler aufzählen?“ Oder erzählen flache, Berliner Witze: „Hat mich eener gefragt, ob ich auch ein een Verein habe. Nee hab` ick nicht, ick hab` zweehe.“ Ein kurzweiliger Nachmittag also.

Bis zum nächsten Mal in der HOWOGE Arena Hans Zoschke!

Amateurtour Teil 3: Zu Besuch bei der SpVgg Erkenschwick 1916

Bevor es wieder aktuelle Reise- und Spielberichte gibt, verarbeite ich mit dem Teil 3 und 4 (über Westfalia Herne) zwei Traditionsvereine aus meiner alten Heimat, deren Stadien mir sehr am Herzen liegen.

Viele ältere, aktive Fußballfans kennen Oer- Erkenschwick nur wegen der dort ansässigen Bildungsstätte. In dieser fanden nämlich in den Neunziger Jahren immer wieder verschiedene Treffen von Fußballaktivisten statt, wie zum Beispiel vom Bündnis- Aktiver- Fußball- Fans (BAFF). Die wenigsten wissen, dass dieser Ort am Rande des Ruhrgebiets auch eine Fußballtradition vorweisen kann.

Es geht um die SpVgg Erkenschwick von 1916. Am Samstag, vor genau fünfzig Jahren (am 04. Februar 1967), feierten die Erkenschwicker mit der Teilnahme am Achtelfinale des DFB Pokals gegen keinen geringeren als den FC Bayern München quasi den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Detlef Becker (heute 64 und Groundhopper, wie ich besonders gerne in England unterwegs) war damals live dabei. Er durfte als Schüler im Vorspiel mitwirken. 23.800 Zuschauer sahen damals einen 3:1 Sieg der Bayern mit Sepp Maier, Beckenbauer, Roth, Schwarzenbeck & Co. Gerd Müller schoss zwei der drei Tore. Noch weit davor trainierte kein geringerer als Ernst Kuzorra einst das Team, schnürte Horst Szymaniak für die Rot- Schwarzen die Stiefel. Wenn von großen Zeiten die Rede ist, sind eher die Nachkriegsjahre gemeint. Man pendelte zwischen der Oberliga West (damals höchste Spielklasse) und der Verbandsliga hin und her. In den Siebzigern (1974) und Achtzigern (1980) gelang jeweils zweimal sogar der Aufstieg in die 2.Liga Nord. Detlef Becker, als Spieler der SpVgg in der damaligen höchsten Amateurklasse aktiv (einmal auch als Gegenspieler von Peter Neururer), war es nicht gegönnt in der letzten Zweitligasaison der Vereinsgeschichte dabei zu sein. Er verletzte sich in der Vorbereitung schwer und war damit raus aus dem Kader. Mit dabei waren aber Jürgen Wittkamp (einst Meister und Uefa Pokalsieger mit Borussia Mönchengladbach) und Uwe Eplinius, der in Hamburg eine Praxis für Physiotherapie betreibt und hierfür auch für den FC St. Pauli tätig war.

Im Jahr 2008 ging der Verein sogar in die Insolvenz, startete mit einem Mini- Etat und einer jungen Mannschaft in der NRW Liga einen Neuanfang. Eigentlich hatte die Spielvereinigung sich zuletzt in der Oberliga Westfalen etabliert und hätte in den Jahren 2013 und 2014 sogar das Zeug gehabt in die Regionalliga West aufzusteigen. Wie so oft verzichteten auch die Erkenschwicker aufgrund fehlendem, finanziellen Background frühzeitig auf die Beantragung einer Lizenz und verblieben dann auch sportlich in der Liga 5. Das gleiche wiederholte sich 2016: Wieder nahm die SpVgg nicht am Lizensierungsverfahren der Regionalliga teil. Diesmal schloss die Mannschaft die Saison auf einem Aufstiegsplatz ab und verließ daraufhin fast komplett samt langjährigen Trainer den Verein. Dieser Komplettumbruch ist offensichtlich schwer zu verkraften. Selbst die Zugehörigkeit der Oberliga ist derzeit akut in Gefahr. Man ist Schlusslicht der Tabelle. Was bleibt sind Erinnerungen.

Das Stimberg Stadion wurde 1934 in der Nähe der Zeche Ewald Fortsetzung errichtet und fasste einstmals 25.000 Zuschauer. Heute sind nur noch 14.300 zugelassen. Ein weites Rund mit Stehrängen umschließt den Platz mit Laufbahn. Auf einer Seite gibt es eine überdachte Tribüne für 880 Sitzplätze, die im Rahmen einer Modernisierung in den Siebzigern entstand. Nicht ganz so hübsch wie z.B. das Stadion in Herne, versprüht es trotzdem in einem Wohngebiet gelegen diesen alten Charme, der die Herzen von Stadionnostalgikern höher schlagen lässt.

Dumm nur, dass das Heimspiel gegen Westfalia Rhynern (am 17. Dezember 2014 1:0) auf dem benachbarten Kunstrasenplatz ausgetragen wurde. Man wollte oder musste wohl den Rasen schonen. In jener Saison trug Schalke 04 ihre Champions League Youth Cup Spiele am Stimberg aus. Ein paar Tage vorher brachte der Nachwuchs vom FC Chelsea zumindest namentlich ein wenig Glanz in die Hütte. Dankenswerterweise verschaffte mir der Vereinspräsident mit Hilfe von Detlef Zugang zum Rund, so dass ich in Ruhe ein paar Bilder machen konnte. Auf den drei Stufen des Kunstrasenplatzes war nicht allzu viel los. Außerhalb der überdachten Arenen hält nass kaltes Wetter eben doch den potentiellen Zuschauer vom Besuch eines durchschnittlichen Oberliga- Fußballspiels ab. Nur ganze 200 Augenzeugen sahen das magere 1:0.
Sie verpassten allerdings den großen Einsatz der Spieler- und Funktionärsfrauen am Kuchenbuffet und Bratwurstgrill. Zumindest kulinarisch stecken fast alle Amateurvereine ihre Profi- Konkurrenz in die Tasche. Auch ein Besuch im mit allerlei alten Devotionalien ausgestatteten Clubheim war natürlich Ehrensache. Ein durch und durch familiärer und sympathischer Club. Im Stimberg Stadion sollte man also als Groundhopper mal gewesen sein!

Hörfehler – Podcast für Fußballhistorie & Subkultur No 025

Wie schon angekündigt gibt es eine weitere Folge des Hörfehlers von Nick Kassner, in der er mit mir über den Fußball auf „der Insel“ spricht. Den HRF 025:

Groundhopping in England, Wales und Schottland. Mit einem ausführlichen Teil über Tottenham Hotspur und zwei kleinere Teile über West Ham United und Celtic FC.
Neben dem Klassiker „London“ kommt auch der Norden Englands (Sheffield, Doncaster, Leeds, Blackburn, Liverpool usw.) nicht zu kurz.
Insgesamt habe ich bisher 11 Spiele in Schottland (davon 7 verschiedene Grounds), 60 Spiele in England und Wales (davon 35 verschiedene Grounds) und so einige Stadien und Plätze ohne Spiel besucht. Z.B. den ältesten Fußballplatz der Welt (aus dem Jahr 1860) beim Hallam FC.
Hört gerne mal rein! Nachfolgend gibt es passend dazu ein Paar Bilder und Videos.

hoerfehler

https://hoerfehler.podigee.io/27-neue-episode

England

Tottenham Hotspur

West Ham United

Schottland

Wales

Videos

Oh when the Spurs go marching in from Chris toph on Vimeo.

Tottenham im Villa Park 2009 from Chris toph on Vimeo.

Im Bricklayers an der White Hart Lane from Chris toph on Vimeo.

Torpogo von Blackburn Rovers gegen Burnley FC from Chris toph on Vimeo.

You`ll never walk alone Celtic FC from Chris toph on Vimeo.