Tottenham Hotspur – Huddersfield Town 4:0

Das neue Tottenham Hotspur Stadium

Premier League  13.04.2019

Am 03. April war es endlich soweit. Der neue Fußballtempel im Norden Londons konnte nach erheblichen Bauverzögerungen und mehrfachen Anläufen endlich eröffnet werden. Das Premier League Heimspiel gegen Crystal Palace war der Beginn einer neuen Ära in der Vereinsgeschichte der Spurs. Eigentlich sollte das fertige Rund schon rund sieben Monate früher eröffnet werden. Der ursprüngliche Terminplan war dann wohl doch (absehbar) zu optimistisch. Angeblich waren in erster Linie erhebliche Mängel und Verzögerungen der elektrischen Sicherheitssysteme die Ursache. Medienberichte aus England erzählten von Teils chaotischen Zuständen auf der Baustelle. Es war von ungelernten und berauschten Leiharbeitskräften die Rede. Insgesamt für ein derartiges Projekt schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass elektrische Sicherheitssysteme in einem Fußballstadion nicht gerade zu den komplizierteren Anlagen zählen. Wie dem auch sei, das Ding ist nun fertig.

Konstruktion

Über mögliche Auswirkungen auf den Stadtteil, die bauliche Konstruktion und deren Preisentwicklung habe ich an dieser Stelle schon einmal ausführlich geschrieben. Genaue Zahlen sind weiterhin nicht bekannt. Die Rede ist von rund einer Milliarde Euro, eine echte Ansage. Aber zugegeben, das Stadion macht einen wirklich edlen Eindruck und ist für einen Neubau der heutigen Zeit ein echter Hingucker. Die Fassade besteht aus Betonfertigteilen, großzügigen Glasflächen und perforierten Metallpaneelen als vorgesetzte Fassade. Eine bestimmte Anzahl der Paneele sind öffenbar und verstärken dadurch eine natürliche Belüftung und Belichtung der dahinter liegenden Bereiche. Hinter der Südtribüne befindet sich eine riesige Glasfassade, die großzügige Einblicke sowohl in das Stadioninnere als auch heraus ermöglicht. Im Inneren betritt man weitestgehend offene, großzügige Atrien, in denen über offene Treppenanlagen die einzelnen Ebenen zu den Tribünen erschlossen werden. Die Geländer der Zugangsebenen sind verglast, die seitlichen Treppenläufe auch mit filigranen Metallpaneelen verkleidet. Alles Indikatoren für einen hohen Baupreis. Für ein Stadion richtig edel.
Dem Ganzen vorgelagert ist direkt an der High Road ein Gebäude, welches den rund 24.000 Quadratmeter großen Fanstore aufnimmt und in welches das unter Denkmalschutz stehende Warmington House integriert wurde.
In der Park Lane, dort wo einst der South Stand war, ist der neuen Südtribüne eine Art offene Terrasse vorgelagert. In dessen äußere Begrenzungswand ist offensichtlich ein Stück der alten WHL- Fassade eingearbeitet. Ein nettes Detail. Darüber hinaus findet man natürlich alle anderen Dinge, die zu einem modernen Stadion dazu gehören: Großzügige Businessbereiche, eine Tiefgarage, jede Menge Service Points für Speisen und Getränke (ca. 60 Stück) und als „Highlight“ einen riesigen Pub mit eigener Brauerei. Ausführlich nachzulesen unter anderem hier.

Neben den Heimspielen sollen auch Football- Spiele der NFL im neuen Stadion stattfinden. Eine Kooperation mit der NFL wurde bereits vereinbart. Hierfür wurde unterhalb des gepflegten Rasens eigens ein Kunstrasenplatz angelegt, der dann wahlweise hervorgezaubert wird. Potential für internationale Endspiele der Uefa besitzt der Tempel sowieso.

 

Stimmung

Die Sicht auf das Spielfeld kann für ein derart großes Rund als zufriedenstellend beschrieben werden. Die oberen der drei Ränge sind so angelegt, dass die Entfernung zum Platz mehr als akzeptabel ist. Als Besonderheit wird der einrangige South Stand angepriesen. Als Vorbild wird immer wieder die Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions („the Yellow Wall“) genannt. Dummerweise gibt es dort gegenüber dem Original keine Stehplätze, so dass der Vergleich doch ganz schön hinkt. Nur im Unterrang, der als Safe Standing Area vorbereitet ist, wird derzeit das „Stehen“ generell geduldet. Der Rest muss sitzen. Beim Heimspiel gegen Huddersfield Town streiften die Ordner so lange durch die Reihen, bis alle entnervt Platz nahmen und das Singen einstellten. So kann man natürlich auch jede aufkeimende Stimmung im Kern ersticken und die „Stimmungstribüne“ ad absurdum führen. Überflüssigerweise werden im Herz dieser Südtribüne auch noch eine Art Businsess Seats für den 1882 er Club angeboten. Dass diese Besucher nicht stehen wollen, ist schon mal sowieso klar. Ein vorhersehbarer Konflikt. Auch die Preispolitik leistet hierzu ihren Beitrag. Durchschnittlich rund 1100 Euro sind für eine Dauerkarte auf dem South Stand hinter dem Tor zu berappen. Einzelkarten kosten z.B. im Oberrang der Südtribüne je nach Gegnerkategorie zwischen rund 67 und 86 Euro. Kein Schnäppchen. Deshalb wollte auch mein Spieltags- Sitznachbar nicht stehen und singen, sondern bequem sitzen und „schönen Fußball sehen“. Ausnahmen wird es bei Highlight Spielen natürlich geben. So wurde berichtet, dass bei den Championsleague Spielen gegen Manchester City und Ajax das Stehen wiederum geduldet wurde und dadurch eine bessere Stimmung generiert werden konnte. Der Weg zu einer echten „Yellow Wall“ ist allerdings noch mehr als weit! Ein neues Stadion macht nun mal nicht automatisch gute Stimmung. Fairerweise ist aber auch zu konstatieren, dass die Stimmung bei durchschnittlichen Premierleague Spielen an der alten White Hart Lane nicht schlecht, aber ebenso wenig hervorzuheben war.

Ticketing

Nach Abzug der rund 42.000 ausgegebenen Dauerkarten, 8000 Business Seats (!), 3.000 Gästefans und Pufferzonen oder nicht verkauften Platzreihen verbleiben bei einer Kapazität von 62.000 Zuschauern ca. 7.000 bis 8.000 Plätze für den Einzelverkauf. Bei FA Cup Spielen, bei denen das Gästekontingent bis zu 15 Prozent betragen kann, entsprechend weniger. Ob für solche Fälle Dauerkarten ohne Berechtigung für diese Spiele ausgegeben wurden, um dann mehr als Schlappe 3.000 Einzelkarten anbieten zu können, ist mir derzeit nicht bekannt. Die ersten Spiele waren natürlich komplett und innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Bei den CL Spielen schrieben viele von einem „Nightmare“ während des Onlineverkaufs. Eine Mitgliedschaft muss man derzeit schon besitzen. In den freien Verkauf gingen bisher keine der Heimspiele. Auch beim Ticket Exchange, in dem Dauerkartenbesitzer ihre Plätze offiziell anbieten können, war bisher eine Mitgliedschaft erforderlich, um diese Tickets erstehen zu können. Damit Dauerkarteninhaber ihre Karten nicht einfach so weitergeben, möchte der Club, dass die betreffenden Spiele über das Ticketing System weitergeben werden. Hierfür muss derjenige denn lediglich einen Account bei Tottenham besitzen und kann sich die Karte als E- Ticket ausdrucken. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Vergabe von zugeteilten Fanclubkarten. Von denen es allerdings nur eine sehr begrenzte Anzahl gibt.
Die Dauerkartenpreise liegen zwischen 795 Pfund (für ein paar wenige Plätze) bis zu 1.995 Pfund auf den Geraden. Die Einzelpreise liegen für ein Kategorie A Match zwischen 52 und 98 Pfund. Damit ist Tottenham zu den teuersten Vereinen in England aufgestiegen. Wohl dem, der es sich leisten kann.

 

Stadtteil

Welche Auswirkungen der Betrieb dieses Bauwerks mittelfristig auf den Stadtteil haben kann, können nur Stadtentwicklungsexperten beurteilen. Es entstehen sicherlich hier und da Arbeitsplätze, vor allem aber an Spieltagen. Viel Geld sollen die Zuschauer vorranging im Stadion ausgeben. Es wird massiv mit frühen Öffnungszeiten und entsprechenden Facility Points mit einem umfangreichen Speisen- und Getränkeangebot geworben. Nach meinen Beobachtungen wurde dieses bei diesem Spiel auch sehr gut angenommen. Der Pub No. 8 direkt am Stadion war gegenüber früheren Zeiten relativ leer. Würde dieses Konsumverhalten die Regel, wäre es für den Stadtteil schon ziemlich bitter. Die Breakfast Cafe`s entlang der High Road waren allerdings so voll wie immer. Eine enorme Belastung hingegen ist der An- und Abreiseverkehr für die nunmehr doppelte Anzahl von Zuschauern. Besonders nach Spielschluss stauen sich die Menschenmengen in alle Richtungen. Die High Road wird für den Auto und Busverkehr länger als vorher komplett gesperrt. Die Personenströme werden mit Hinweistafeln und Ordnern zu den verschiedenen Bahnhöfen gelenkt. Typisch England: Ein ausgeklügeltes Queuing- System mit Aufstellgittern sorgen an den Bahnhofseingängen für ein ordentliches Schlange stehen. Den passenden Plan dazu kann man sich sogar vorher auf der Homepage des Vereins herunterladen. Die Züge fahren zwar in einer höheren Taktung als normal, den Ausbau der Stationen an sich aber hat man erst einmal vergessen. Soll aber in Planung sein. Immerhin. Gut dran ist, wer es nicht eilig hat. Der kann sich nämlich in einer der vielen, netten Pubs entlang der High Road noch in Ruhe ein after-match Bier genehmigen. Macht sowieso mehr Spaß.

Fazit:

Eines hat dieser Kommerztempel des Fußballs auf jeden Fall: Ein großes (langfristiges) wirtschaftliches Potential für den Verein, so lange dieser erfolgreich ganz oben mitspielen kann. Aber auch nur dann. Denn erst einmal muss diese unglaubliche Summe von einer Milliarde getilgt werden. Das Stadion an sich setzt definitiv Maßstäbe. An den Anblick dieses Monstrums an der High Road muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen. Der Vorteil hingegen: Es steht dort, wo der Verein seit über einhundert Jahren im Stadtteil verwurzelt ist. The dare is to do!

Das Spiel ?

War, wie erwartet, langweilig. Tottenham hatte den Gegner aus Yorkshire während der gesamten Partie im Griff. Nach siebenundzwanzig Minuten war das Spiel mit dem zweiten Treffer der Nord Londoner entschieden und plätscherte so vor sich hin. Es ließ also genug Rahmen sich mit den umliegenden neuen Begebenheiten zu beschäftigen. Erst gegen Ende der Partie erstarkten plötzlich die Terrier und erarbeiteten sich einige Torchancen. Das Spiel nahm dann wieder etwas Schwung auf, aber Tottenham ließ nichts anbrennen, schaltete zehn Minuten einen Gang höher und kam zu weiteren zwei Treffern. Ein Glanzloses, aber total verdientes 4:0.

 

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Schottland: Vier Spiele in vier Tagen Teil 2

Greenock Morton FC – Alloa Athletic 0:2   Cappielow Park   10.11.2018

Am Samstagmittag waren wir wieder so rechtzeitig zurück in Glasgow, dass noch genügend Zeit für die Kurze Fahrt nach Greenock zu Verfügung stand. Dankenswerterweise stellte sich sogar unser Gastgeber als Fahrdienst zu Verfügung und kutschierte uns an die Mündung des Clyde Rivers. Einst war Greenock die bedeutendste Hafenstadt an der Westküste Schottlands. Neben dem Frachtverkehr war sie auch ein großer Standort für den Schiffbau. Viel ist davon nicht mehr übrig geblieben. Den Niedergang merkt man dem Ort mit rund 44.000 Einwohnern auch an. Eine Perle ist es nicht. Dafür aber das Stadion, der Cappielow Park. Hier ist der 1874 gegründete Greenock Morton FC zu Hause, einer der ältesten schottischen Fußballvereine. Im Prinzip spielt der Verein seit Anbeginn bis heute in der schon 1879 erbauten Spielstätte. Wenn etwas Tradition ist, dann das. Ursprünglich trug der Verein die Bezeichnung Morton Football Club, bis man 1994 den Namen um den Ort Greenock erweiterte. Besonders erfolgreich waren die Blau- Weißen allerdings nie. 1922 gewannen sie einmalig den schottischen Pokal und waren bis 1988 auch regelmäßig immer mal wieder in der jeweils höchsten Spielklasse anzutreffen. Zum Beginn der Jahrtausendwende musste aber ein finanzielle Durststrecke und damit einhergehender sportlicher Talsohle durchschritten werden. Seit 2007 hat man sich mit der Ausnahme von einer Saison wieder zumindest in der zweiten schottischen Spielklasse, der heutigen Scottish Championship etabliert.

Das Stadion hat, so wie es heute vorzufinden ist, schon so einige Jahre auf dem Buckel. Keine der Tribünen gleicht der anderen. Es gibt in einer der Ecken einen Flutlichtmast, die anderen Lichter sind mit abenteuerlichen Konstruktionen auf den Dächern der beiden Tribünen längs des Spielfeldes montiert. Im Westen findet man eine unüberdachte Tribüne mit alten Holzbänken aus dem Jahre 1978, die selten bis gar nicht genutzt wird. Sie trägt den Namen Wee- Dublin-End, weil einst irische Einwanderer in dem Areal hinter dieser Tribüne untergebracht waren. Die Haupttribüne steht nun schon seit 1931 dort und wurde 1990 mit Sitzschalen ausgestattet. Die anderen beiden Seiten bestehen überwiegend aus schönen, alten Stehtraversen, wobei auf der Gegengerade rund drei Viertel davon überdacht sind. Dieser Bereich wird aus als „Kuhstall“ bezeichnet. Das ganze Gelände wirkt notdürftig instandgehalten. Jeglichen Komfort, von der Toilette bis zum Kassenhäuschen, sucht man vergeblich. Alles schlicht und einfach. Im Jahr 2008 wurde berichtet, dass der Verein die Teile einer alte Tribünen und zwei Flutlichter vom Stadion Love Street vom FC St. Mirren gekauft hat, um sie am Wee- Dublin- End wieder aufzubauen. Zu sehen ist davon aber bis heute nichts. Insgesamt also eine Perle für jeden Stadionromantiker. Das Fassungsvermögen beträgt übrigens derzeit 11.589 Plätze, davon rund 5.700 Sitzplätze.

 

Als größter Rivale wird der St. Mirren FC genannt. Dann ist der altehrwürdige Cappielow Park auch mal richtig gut besucht. Das war gegen Alloa Athletic nicht wirklich der Fall. Ganze 1.794 Zuschauer stuften diese Partie als sehenswert ein. Stimmung gab es so gut wie keine. Auch von den vielleicht fünfzig Gästefans auf der Haupttribüne. Nur die beiden Elfmetertore zum 2:0 Auswärtserfolg der schwarz- gelben wurden bemerkbar bejubelt. Ohne diese Strafstöße hätte wohl keiner der beiden Teams an jenem Nachmittag jemals ein Tor erzielt. Das Spielniveau in der schottischen zweiten Liga hält sich doch arg in Grenzen. Egal, das Stadion ist der Hit. Mir hat es gefallen.

 

Livingston FC- Celtic FC  0:0   Almondvale Stadium   11.11.2019

Livingston hingegen ist keine Perle. Weder die Stadt, noch das Stadion. Der Ort, der heute rund 56.000 Einwohner zählt, wurde in den sechziger Jahren am Reißbrett um das gleichnamige Dorf herum geplant. Es entstand eine „New Town“ (man könnte sie auch Schlafstadt nennen), die vor allem Edinburgh entlasten sollte. Mit Ausnahme von zwei Einkaufszentren (eines davon ein Outlet Center) sowie eines größeren Pub Namens „Tower Bar“ bietet diese Stadt so gut wie gar nichts. Auch das nun ansässige Fußballstadion wurde erst in den Neunzigern errichtet, um den Einwohnern „Brot und Spiele“ zu liefern. Hierfür wurde der aus Edinburgh stammende Verein Meadowbank Thistle 1995 nach Livingston umgesiedelt. Planwirtschaft pur! In den letzten Jahren pendelten „die Löwen“ mehr oder weniger zwischen der ersten und zweiten schottischen Liga hin und her. 2004 gewannen die Schwarz-Gelben sogar einmal den Ligapokal. Besonders aufregend geht es dort aber nicht zu. Zu den normalen Heimspielen werden im Schnitt ganze 5.000 Zuschauer begrüßt. Nur gegen die großen Vereine kommen mehr. Allerdings füllen dann die Gästefans der beiden Glasgower Vereine die Tribünen, so dass dann „ausverkauft“ gemeldet werden kann. Wer also keine Dauerkarte besitzt, geht am Spieltag einfach hin. Bis Mitte der Saison gab es nicht einmal einen Online Ticket Verkauf. Dieser sollte gegen Celtic FC zum ersten Mal überhaupt eingerichtet werden. Allerdings mit der Einschränkung, dass man das Ticket vor Ort Tage vor dem Spiel im Ticketcenter hätte abholen müssen. Eine Ausgabe am Spieltag war nicht vorgesehen. Alles etwas seltsam. Uns aber egal.
Wir waren sowieso wieder mit dem Fanclubbus vom Garngad Milburn CSC unterwegs und gingen damit allen Ticketschwierigkeiten aus dem Weg. Die Anreise verlief ereignislos, weil ein derartiges Auswärtsspiel für die Celtic Fans scheinbar nur eine Pflichtveranstaltung ist.

Das Almondvale Stadium verfügt über 10.006 Plätze und trägt derzeit den lustigen Sponsorennamen Tony Macaroni Arena. Benannt nach einer im schottischen Besitz befindlichen italienischen Restaurantkette. Ausgerechnet dieser Durchschnittsground mit einem beknackten Namen sollte mein Zweihundertfünfzigster werden. Das Stadion ist klein, daher aber sehr kompakt. Viel näher dran am Spielfeld geht eigentlich nicht. Von außen ist es keine Schönheit. Ein Zweckbau halt.
Die Grün-Weißen waren heute klar in der Mehrheit. Drei der vier Tribünen waren für die Gäste vorgesehen. Nur auf der Haupttribüne waren die Heimfans aus Livingston zu finden. Ein wirklich seltenes Kräfteverhältnis. Es gab keine Fantrennung, der Stadionpub konnte auch von Gästefans genutzt werden. Immerhin können die Schwarz- Gelben mit einer kleinen Ultraszene aufwarten. Vielleicht einhundert Aktive machten am Rand der Haupttribüne optisch und akustisch auf sich aufmerksam. Der Support der Gäste war heute lediglich Durchschnitt. Genauso, wie das Spiel. Nach dem Europapokalauftritt am vorherigen Donnerstag tat sich der Favorit erkennbar schwer gegen eine gut verteidigende Heimmannschaft. Auch nach vorne gelang den Gastgebern deutlich mehr. Das Spiel war jetzt nicht schlecht. Es entwickelten sich aber nur wenige echte Torchancen, für die Elf aus Glasgow dabei deutlich weniger. So blieb es schlussendlich bei einem gerechten Unentschieden. Nur leider ohne Tore.

Nach dem Spiel trafen wir noch einen Bekannten wieder, der auch schon am Donnerstag vorher beim Europapokalspiel im Celtic Park war und die kompletten vier Tage in Livingston verbracht hatte. Die Reaktion unseres schottischen Bekannten: Na, hast du ein Buch geschrieben mit dem Titel „Lost in Livingston“? Warum, siehe oben. Kurze Zeit später saßen wir, nach vier Tagen mittlerweile ziemlich Müde, schon wieder im Bus zurück nach Glasgow.

 

Schottland im Herbst 2018: Vier Spiele in vier Tagen

Celtic FC- RB Leipzig   2:1  Celtic Park   Europa League    08.11.2019

Durch die Teilnahme des Celtic FC in der Europa League ergab sich im Herbst mal eine Gelegenheit für einen Fußballtrip mit vier Spielen in vier Tagen in Schottland. Am 08. November stand zunächst das Heimspiel der Grün- Weißen gegen RB Leipzig im Celtic Park an. Dummerweise standen ausgerechnet an jenem Donnerstag (sonst immer) keine Direktflüge mit dem Billigflieger Easy Jet zur Verfügung, so dass wir eine Anreise mit Britisch Airways über London in Kauf nehmen mussten. Wir entschieden uns für einen Anschlussflug mit etwas über einer Stunde Zeitpuffer zwischen Landung und Abflug in Heathrow. Keine gute Idee, wie sich herausstellte. Der erkennbare Puffer in der Flugzeit wurde, wie immer, schon über London aufgezehrt. Zum Hauptproblem wurde aber die Passkontrolle bei der Einreise für Umsteigegäste. Dort wird nämlich nicht zwischen EU Bürgern (geht normalerweise recht zügig) und Nicht- EU Bürgern (dauert Lichtjahre) unterschieden. Auch das Betteln bezüglich der anstehenden Boardingzeit des Anschlussfluges nutzte nichts. Danach erwartete uns noch eine Handgepäckkontrolle. Die Sache ging schlussendlich so gerade eben auf. Heathrow wird nicht mein Freund. Nebenbei bin ich gespannt, wie sich ein Brexit bei der Einreise an den Grenzen auswirken wird.
Für denjenigen, der ohne Umwege nach Glasgow möchte, empfiehlt sich ab Edinburgh Airport als Verkehrsmittel der Airport Bus von City Link. Dieser fährt alle 30 Minuten für einen angemessenen Preis direkt in 50 Minuten dorthin. Viel schneller und günstiger, als Bus/Tram und Bahn über die Innenstadt von Edinburgh. In Glasgow übernachteten wir die erste Nacht im neu eröffneten Motel One neben dem Bahnhof Central Station. Das wir dort auf jede Menge Leipziger trafen, war klar. Die Mehrheit der Fans vom Kunstclub ist aber total in Ordnung, so dass meine Vorbehalte weiterhin ausschließlich dem Vereinskonstrukt gelten. Auch, wenn das viele anders sehen mögen. Die Leipziger organisierten später vom George Square am Rathaus einen Marsch zum Stadion. Leider spielte das Wetter nicht mit. Es regnete Bindfäden. Typisch schottisch halt. Die Fans beider Vereine verstanden sich gut. So waren in den Celtic Pubs rund um das Gallowgate so einige Leipziger zu finden. Wir natürlich auch. Anstelle sich auf`s Bier trinken zu konzentrieren, machten wie den Fehler, noch schnell etwas feste Nahrung aufzunehmen. Eigentlich habe ich sämtliche Tücken dieses schönen Landes gut verinnerlicht. Dachte ich bis dato. Ich habe aber nicht damit gerechnet meinen Gaumen mit einer Pommes (!) so dermaßen zu verbrennen, dass die Hautfetzen noch zwei Wochen später im Mund herumhingen. Merke: Fish and Chips: Extremly hot! Dieser Hinweis ist sonst nur unbegründet auf Kaffeebechern zu finden…

Pitschenass erreichten wir dann später das Innere unserer Tribüne und bekamen so gerade noch die letzten zwei Minuten von der als Sensation angekündigten Lightshow mit. Diese Pre- Match- Lightshow scheint mittlerweile zum Standard im Celtic Park (und auch in anderen Stadien der Insel) zu gehören. DAS HAT MIT FUSSBALL NICHTS TUN UND NERVT ! Nach dem üblichen „You never walk alone“ im ganzen Stadion sorgte vor allem die Green Brigade in Section 111 für eine einem Europapokalabend angemessene Stimmung. Wir im Nachbarblock waren zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt unsere Plätze zu finden. Praktischerweise gibt es in den oberen Reihen im Unterrang dort keine Reihenbezeichnungen, so dass man ab der letzten bezeichneten Sitzreihe zählen muss. Der Übergang von Doppelbuchstaben auf Einzelbuchstaben erhöhte dabei den Schwierigkeitsgrad. So vergingen die ersten Minuten mit heiterem Zählen und munteren Diskussionen, bis alle mehr oder weniger mit ihren Ergebnissen nach diverser Platztauscherei zufrieden waren. Das Spiel war munterer als erwartet. Celtic gab richtig Gas. Kein Vergleich zu meinem letzten Besuch beim Glasgower Derby. Die offensive Spielweise der Leipziger kam den Grün- Weißen dabei natürlich entgegen. Auch die Stimmung war um Klassen besser. Ein feiner Europapokalabend mit gutem Ausgang für die Jungs aus Glasgow. Ein umkämpftes, aber auch spielerisch ansehnliches 2:1 hielt die Schotten im Kampf um das Weiterkommen in der Gruppenphase weiter im Rennen. Fast wie zu guten, alten Zeiten. Weil die Brausevertretung aus Leipzig am letzten Spieltag gegen Trondheim den Sieg verpasste qualifizierte sich der Celtic FC dann tatsächlich für die K.O. Runde. Da es nach Abpfiff weiterhin vor sich hin regnete, nahmen wir dankend das Angebot eines Freundes an, uns mit dem Auto zurück in die Innenstadt zu kutschieren.
Am nächsten Morgen gab`s dann Sachsenalarm im Frühstücksraum. Die Sprache ist und bleibt für mich, sorry, echt putzig! Wer das allgemeine Organisationstalent schottischer Frühstücksraumbetreiber kennt und das in Proportion gleichzeitig aus den Zimmern auftauchende Hundert Fußballfans setzt, kann sich ausmalen, welches Szenario das sowieso räumlich begrenzte Frühstücksbuffet sich ausgesetzt sah. Alle balgten sich wie in einem schlechten Urlaubsfilm um alles Ess- und Trinkbare. Die „Motel One Frühstücks Busy- Ampel“ zeigte dunkelrot. Mindestens! Selbst noch halb gefrorener Toast wurde dem Personal aus den Händen gerissen. Die Angestellten waren nach Ende der Frühstückszeit sichtlich erleichtert. Wir auch, denn trotz der chaotischen Verhältnisse, lief das Ganze natürlich aufgeregt, aber insgesamt gelassen bis lustig ab. Das habe ich auch schon anders erlebt. Also noch mal „Daumen hoch“ für die RB Fans. Sight- Seeing willige Tischnachbarn aus Thüringen konnten wir noch wertvolle Tipps mit auf den Weg geben. Deren Plan ließ sich wie folgt zusammenfassen: Ganz Schottland in nur drei Tagen- auch eine Möglichkeit.

 

FC Aberdeen- Hibernian FC 1:0  Pittodrie Stadium  Scottish Premiership  09.11.2019

Unser Weg führte uns am Morgen direkt weiter nach Aberdeen, in die an der rauen Nordseeküste gelegene Hafenstadt. Die Zugfahrt ist trotz der rund zweieinhalb Stunden Fahrzeit kurzweilig und bietet einen Blick auf wunderschöne Landschaften. Sie führt an Sterling vorbei über Perth nach Dundee. Ab dort mehr oder weniger direkt an der Nordseeküste entlang. Dabei kann man einen kurzen Blick auf das Stadion von Arbroath FC werfen, eines der schönsten, kleineren in Schottland. Die Lage der Stadt machte wettertechnisch ihren Namen aller Ehre: Es war grau, kühl und stürmisch. Um vom dortigen Hafen aus, der quasi mitten in der Stadt liegt, mit den Versorgungsschiffen zu den Bohrinseln oder den riesigen Fischtrailern in See zu stechen, muss man schon aus entsprechendem Holz geschnitzt sein. Und ja, es geht dort ziemlich rau zu. Sei es beim Fußball oder in den Kneipen. Das Stadtbild an sich ist ziemlich grau. Man könnte meinen, es hat sich dem dort vorherrschenden Wetter angepasst. Der Grund ist aber ein anderer. Sie wurde quasi komplett mit einem grauen Granitstein aus der Nordhälfte Schottlands aufgebaut. Fast alle Gebäude sind grau- fertig. Das kann schon deprimierend sein. Im Bereich sanierter Flächen oder Areale geht von den Gebäuden aber auch gleichzeitig eine gewisse Faszination aus. Am Stadtrand finden sich schöne Golfanlagen, Strandpromenaden, ein top gepflegtes Universitätsgelände mit tollen, alten Gebäuden, sowie das „Old Aberdeen“. Alles Sehenswürdigkeiten, die wir beim letzten Besuch dort schon abgearbeitet haben. Diesmal reichte es nur für einen Mini- Stadtrundgang, um dort Altes mit Neuem zu vergleichen (siehe Bild). Unsere Lieblingsmahlzeit (ihr ahnt es: All Day Scottish Breakfast mit einem Pint Lager) nahmen wir in dem bereits uns bekannten Pub Slains Castle Aberdeen ein. Diese Location ist nämlich in einer alten Kirche untergebracht. Sehr schick!

Das Pittodrie Stadium ist fußläufig in rund zwanzig Minuten aus der Innenstadt gut zu erreichen. Zumindest, wenn es nicht regnet. Auf dem Weg dorthin gibt es noch die Gelegenheit in einen überfüllten Pub für Heimfans ein wenig Flüssignahrung einzunehmen.
Am Ende der Straße wartet das Licht. So kann die Szenerie beschrieben werden, wenn man in die spärlich beleuchtete Pittodrie Street einbiegt, die direkt auf das vom Flutlicht angestrahlte Stadion zuläuft. Wunderschön! Der Ground ist ziemlich in die Jahre gekommen und versprüht diesen halb maroden, halb modernisierten Charme vieler älterer Stadien auf der Insel. Mittlerweile ist auch der Gästebereich am Rande der Gegengerade überdacht. Hinter dem Tor in Richtung Nordsee bäumt sich seit 1993 eine zweirangige Tribüne, der Richard Donald Stand, auf. Dieser passt so optisch mal gar nicht zum Rest der Anlage, hat aber die gültige Zuschauerkapazität auf derzeit 20.961 erhöht. Jene wird aber eher selten erreicht. Nur gegen die großen Teams aus Glasgow sind Heimspiele annähernd ausverkauft.

 

Der Club selbst schaffte in den letzten Jahren regelmäßig den Sprung in die Play Offs der Europa League, scheiterte aber jedes Mal an anderen durchschnittlichen europäischen Vereinen. Eigentlich schade, denn der Traditionsclub hätte durchaus wieder bessere Zeiten verdient. Der FC Aberdeen war einer der ersten Vereine von der Insel von dem ich als Jugendlicher Notiz nahm. Denn unter keinem geringeren als Alex Ferguson waren sie Anfang der Achtziger sehr erfolgreich und gewannen sogar 1983 den Europapokal der Pokalsieger. Umso mehr habe ich mich gefreut, endlich dort mal zu Besuch zu sein. Der FC Aberdeen offensichtlich auch. Denn kaum hatten wir unsere Plätze auf dem South Stand direkt neben dem Gästeblock eingenommen, wurden wir vom Ordnerpersonal aufgesucht. Diese zeigten immer wieder auf unsere Plätze und dann auf uns. Ich sah mich schon unbegründet abgeführt oder so, aber weit gefehlt. Wir wurden nach unseren Namen gefragt (die Tickets hatten wir vorher im Onlineshop bestellt) und vom FC Aberdeen als Erstbesucher herzlich willkommen geheißen. Als Dankeschön gab es noch einen Gutschein für einen warmen Halbzeit Pie plus einem Heißgetränk. Das nenn ich mal Kundenbindung! Wir wurden noch gefragt, ob wir unsere Plätze tauschen möchten, weil es hier im Block sehr laut sei, aber natürlich wollten wir laut! Laut und dreckig. Und wurden nicht enttäuscht. Bei den Dons hat sich bisher keine Ultragruppe oder ähnliches etabliert. Es gibt britischen Old School Support in Reinstkultur. Wenig Gesang, dafür durchgehende Beschimpfungen in Worten und Gestiken aller Art. Die Rot- Weißen wurden im Gegenzug von den Grün- Weißen aus Edinburgh leidenschaftlich als Schaafsficker betitelt. Die meisten Beleidigungen konnten wir aufgrund des starken schottischen Akzents allerdings nicht verstehen. Gelegentlich kamen sich beide Gruppen auch am Zaun sehr nahe. War es zu nah, schritten Ordner ein. Nach dem Führungstor des Gastgebers klebten Hunderte beidseitig am Zaun. Als sich das Tohuwabohu wieder lichtete fehlten einige uns mittlerweile bekannte Gesichter. Die mit der größten Klappe vorher wurden nun dezent des Stadions verwiesen. Ab diesem Zeitpunkt wurde auch gesungen. „You´re only sing when you`re winning“ halt. Weitaus uninteressanter ging es auf dem Platz zu. Vom schottischen Erstligafußball darf man nicht viel erwarten. Spielerisch kein Leckerbissen, ein paar Torchancen hüben wie drüben und der Treffer in der 40. Minute zum 1:0 reichte zum Heimsieg. Mehr war nicht. Insgesamt aber trotzdem ein netter Floodlight Friday!

Über die beiden noch folgenden Spiele beim Greenock Morton FC und FC Livingston gibt es nicht besonders viel zu erzählen. Ein paar Sätze und vor allen Dingen Fotos von einem der schönsten schottischen Stadien überhaupt gibt es in kürze hier trotzdem.

 

 

Celtic FC – Rangers FC 1:0

Derby in Glasgow am 02.09.2018

Das 413. Glasgower Derby zwischen dem Celtic Football Club und dem Rangers FC ist nun schon eine kleine Weile her, aber kurz würdigen möchte ich es dennoch:

Das Aufeinandertreffen der beiden Glasgower Stadtrivalen wird immer noch Old Firm (das alte Beständige) genannt. Es ist eines der ältesten Derbys der Welt zweier wirklich großen Vereine. Der eine Verein verkörpert die irische Einwanderschaft, der Andere die protestantischen Unionisten in Schottland. Es werden also auf der einen Seite irische Fahnen, auf der anderen Seite der Union Jack gezeigt. Die Stadt ist gespalten, nicht nur an Spieltagen. Man mag sich gar nicht. Ganz und gar nicht. Die offene Abneigung wurde über Jahrzehnte regelrecht gelebt. Notfalls auch mit Gewalt.

 

 

Die Anhänger der Grün- Weißen sprechen jedoch nicht mehr vom Old Firm, sondern nur noch vom Glasgower Derby. Der Grund ist klar: Der alte Rangers FC bzw. dessen Betreibergesellschaft ging 2012 insolvent. Die neuen Rangers werden abschätzig nur noch „newco“ (neu gegründete Gesellschaft) genannt. Seit der Pleite besitzen die Celts die alleinige Vormachtstellung im schottischen Fußball und konnten zuletzt zum siebten Mal hintereinander die schottische Meisterschaft erringen.
Nach der damaligen Verbannung der neu gegründeten Rangers in die vierte schottische Liga traf man sich erstmals im Liga Cup Halbfinale 2015 auf dem Platz wieder. Seit Beginn der Saison 2016/2017 spielen auch die Rangers wieder in der schottischen Premiership. Auf Augenhöhe sind die Rot- Blauen, vor allen Dingen aus finanziellen Gründen, aber noch lange nicht. So hoffen die Fans aus dem Stadtteil Parkhead auf die Egalisierung des bisherigen Rekordes, der neun hintereinander errungenen Meisterschaften des ewigen Rivalen aus dem District Ibrox. Mit welchen teils dubiosen finanziellen Tricks diese Erfolge zu Stande kamen, ist mittlerweile bekannt. Trotzdem sitzt dieser Stachel natürlich tief. „Nine in a row“ (Rangers) oder wahlweise „Ten in an row“ (Celtic) ist eine inflationär gebräuchliche Liedzeile in beiden Fanlagern.
Die Vorherrschaft des Ligaprimus macht die schottische Liga allerdings noch langweiliger, als sie ohnehin schon war. Kein anderer Club kommt auch nur annähernd an die Finanzkraft des großen Clubs heran. Alle anderen Heimspiele ohne Beteiligung des Stadtrivalen sind sportlich und stimmungsmäßig nicht besonders interessant. Nur selten, wie zu Beginn dieser Saison, wird man der Favoritenrolle mal nicht gerecht. Auch vor diesem Spiel waren die Kräfteverhältnisse eigentlich klar verteilt. Es wurde lediglich nur über die Höhe des Heimsieges diskutiert.
Stimmungsmäßig müssen momentan sowieso Abstriche gemacht werden. Denn die Rangers kündigten die Verabredung beider Clubs, sich gegenseitig 7.500 Karten für den Auswärtsblock zur Verfügung zu stellen, im Mai einseitig auf. Sie konnten die Feierei der meist gut gelaunten grün- weiß Gestreiften in ihrem eigenen Stadion nicht mehr ertragen. Auch kein Zeichen von Größe. So erhalten bis auf weiteres lediglich rund 1.000 Gästefans die Chance auf einen Auswärtsbesuch. Unwürdig für eine solches Derby!

 

 

Mangels geöffneter Pubs bzw. dem Verbot von Alkoholausschank vor 12:00 Uhr erübrigten sich zunächst alle Rituale, die zu einem anständigen Fußballtag gehören. Obwohl man die Strecke vom Stadtteil Royston zum Celtic Park durchaus gut zu Fuß bewältigen könnte, nutzten wir den Fanclub- Bus des Garngad Millburn CSC zur Anreise. So gab es auch keinerlei Aufregung vor dem Spiel. Die wenigen, wie immer in Glasgow, komplett getrennt anreisenden Gästefans bekam diesmal niemand zu Gesicht. Zu hören, wie sonst, waren sie auch nicht.
Nur die Polizei meinte mal wieder die Fans in Aufregung versetzen zu müssen. Rund zwanzig Minuten vor Anpfiff kam es auf dem Weg unterhalb des North Stand (der Gegengerade), der auch als einziger Zugang vom Busparkplatz zum Lisbon Lions Stand dient, zu einem durchaus vorhersehbaren hohen Personenaufkommen. Der Verein hat in Absprache mit der Polizei ein neues Wegekonzept ausprobiert. Der Weg unter der Nordtribüne wurde dabei zum Flaschenhals. Tausende wollten aus beiden Richtungen zu ihren Tribünen auf der jeweils anderen Seite, bis es zu einem heftigen Gedränge, besser gesagt Stillstand und Geschiebe kam. Augenzeugen berichteten von panischen Reaktionen. Die Ordnungshüter schlossen daraufhin offenbar irgendwelche Tore, was die Situation zusätzlich verschlimmerte. Einige versuchten daraufhin angrenzende Mauern oder Zäune zu übersteigen, um zum Anpfiff im Stadion zu sein oder der Situation einfach nur zu entfliehen. Einige Verletzte waren die Folge. Da hat sich die Polizei mal wieder nicht mit Ruhm bekleckert. Eine vernünftige oder plausible Stellungnahme sowohl vom Verein, als auch von der Polizei blieb bisher (natürlich) aus.

Im Stadion erwartete den Besucher dann ein trauriges Bild. In der Ecke neben der Haupttribüne, in Sektion 120, wurde der kleine Haufen Gästefans platziert und machte einen völlig unverhältnismäßigen Eindruck zum Rest des großen Stadions. Da fehlte etwas. Eindeutig!
Das „You never walk alone“ kam, wie immer, gut rüber. Danach gab es von der Green Brigade in der Sektion 111 eine kleine Choreo einschließlich einer kleiner Portion Rauch. Der Support war ganz gut, erreichte aber anschließend zu keiner Zeit den Roar vergangener Tage. Die Gästefans waren in dieser Sache mit ihren rund 800 Personen sowieso hoffnungslos unterlegen.
Das Geschehen auf dem Rasen tat sein Übriges dazu. Die einen konnten nicht (Rangers ), die anderen (Celtic) wollten nicht- so richtig. An Stelle eines Feuerwerkes erlebten die 61.000 im weiten Rund eine relativ müde Nummer mit einem 1:0 durch Olivier Ntcham in der 62. Minute. Insgesamt hatte die Heimmannschaft das Spiel über die gesamte Partie im Griff, verpasste aber mit zwei weiteren guten Gelegenheiten, für eine frühe Entscheidung zu sorgen. So wurde am Ende ein wenig gezittert, als das Team um Neucoach Steven Gerrad sich bemühte den Ausgleichstreffer zu erzielen. Celtic gewann also knapp, aber souverän. Damit konnten die üblichen Feiereien und Schmähungen des Gegners beginnen: Beautiful Sunday.

 

Auch nach dem Spiel blieb alles ruhig. Für die Polizei war die Fantrennung bei der kleinen Anzahl Gästefans eine einfache Angelegenheit. Die kleine Gruppe schwarz gekleideter Heimfans wurde vom neongelben Begleitschutz bis in die Innenstadt begleitet. Auswärtsfans waren auch nach dem Spiel nirgendwo auszumachen. Derby geht irgendwie anders.

Selbst im Viertel und auf der gleichnamigen Straße Gallowgate war mal so gar nichts los. Die Kneipen waren zwar restlos überfüllt. Auf der Straße dagegen gähnende Leere. Ein typischer Sonntagnachmittag halt. In die Pubs hinein gelassen wurde man aber nur mit einem zuvor erworbenen Kneipen- Ticket. Wir hatten natürlich keines. So verging einige Zeit, bis wir Einlass auf ein Bier im Pub „The Saracen Head“ fanden. Ein Pub, der über Einhundert Jahre von der gleichen Familie betrieben wurde. Dort war es dann ganz nett. Saufen, Singen, Drängeln und Schwitzen. Ihr kennt das. Auf der Straße trafen wir dann noch zufällig jemanden wieder, den wir mal 2004 auf dem antirassistischen Fußballturnier  St. Pauli kennengelernt und später völlig aus den Augen verloren haben. Das Ergebnis: Rein in den nächsten Pub und noch ein Bier! Ein schöner Zufall!

Insgesamt ist das Glasgower Derby natürlich immer eine Reise wert, aber unter den heutigen Bedingungen (insbesondere der geringen Anzahl an Gästefans und der durchschnittlichen, sportlichen Darbietungen) bei weitem nicht mehr so elektrisierend wie noch vor zehn Jahren. Auch das Viertel rund um das Gallowgate hat seinen morbiden aber herzlichen sowie quirligen Charme von Früher verloren. Sieht alles ziemlich trostlos und heruntergekommen aus. Das gilt für den Wochenendmarkt „Barras“ genauso, wie für den ein oder anderen geschlossen Pub, z.B. der Birds Bar. Einen recht neuen Pub für Celtic Anhänger gibt es in der Nähe des Merchant Square in der Straße Candleriggs. Der Name ist mir leider entfallen. Das O`Neills dort lässt ebenso Heimfans in Farben hinein. Ansonsten gilt in Glasgow (nicht nur an Spieltagen) ein konsequente „No football colours“ Türpolitik. Der aus meiner Sicht immer noch beste Pub ist das Mc Chuills in der High Street mit seinem urigen Besitzer hinter dem Tresen. Letzterer ist auch eine gute Anlaufstelle um Kontakte zu knüpfen oder mit etwas Glück eine der wenigen verfügbaren Karten zu ergattern. Leider ist der Laden an Derbytagen hoffnungslos überfüllt. Man muss ein wenig Geduld mitbringen.
Insgesamt war es nach meinem Empfinden für ein Glasgower Derby ein ziemlich ruhiger und damit relativ unspektakulärer Tag.

 

 

 

 

 

 

 

Neubau Tottenham Hotspur Stadium

Dieser Artikel ist von mir in der Print Ausgabe Übersteiger Nr. 131 im März 2018 erschienen und wurde auf den aktuellen Stand überarbeitet.

Hier habe ich im April des vergangenen Jahres mit dem Artikel “Farewell White Hart Lane” Abschied von der traditionsreichen Spielstätte im Londoner Stadtteil Tottenham genommen. Sie wurde nach stolzen 118 Jahren abgerissen, um einen lang geplanten Neubau Platz zu machen. Sie war nicht besonders hübsch, schon mächtig genug, gehörte aber zum Stadtteil. Für viele war sie ein Sehnsuchtsort. Nun einfach weg.

 

Immerhin an gleicher Stelle und nicht wie beim Rivalen West Ham United in einem anderen Stadtteil, entsteht ein großer Arena Neubau. Die Verhandlungen mit der Stadt und die notwendigen Planungen dauerten Jahre. Der Bezirk wollte für sich, berechtigter weise, so viel wie möglich durch das Neubauensemble unter dem Namen Northumberland Development Project herausholen. Denn Tottenham war in der Vergangenheit ein eher gebeutelter Stadtteil. Er wartet mit der höchsten Anzahl verschiedener Ethnien in London auf, ist dadurch bunt, aber nicht gerade reich. Es entstehen einerseits zwar viele neue Arbeitsplätze, andererseits muss sich das Ungetüm von Arena auch irgendwie mit dem Standort vertragen. Soweit ich das verfolgen kann, war es mit dem Bau eines Stadions an sich auch nicht getan. Der alleine würde eher bis zu ca. maximal 600 Millionen Pfund verschlingen (eigene Schätzung in Abhängigkeit der kolportierten Gesamtsumme und in Relation zu anderen Neubauten). Der Verein musste für den Kauf der notwendigen zusätzlichen Flächen, sowie für das Projekt überhaupt, dem Stadtteil sehr entgegen kommen. Insgesamt werden mittlerweile mindestens 800 Millionen Pfund, also rund 960 Millionen Euro verbaut. Es geistern aber auch immer wieder noch höhere Zahlen durch den Raum. Wirklich transparente Zahlen sind allerdings bisher nirgendwo zu finden.

Tottenham Hotspur mit Unternehmer und Millionär Daniel Levy an der Spitze entwickelte in Abstimmung mit der Stadt ein Areal mit einem Einkaufscenter einschl. Parkhaus, Hotel, einem Sportzentrum und Wohnungsbau neben dem eigentlichen Stadionneubau. Dafür wurden und werden natürlich einzelne Investoren gesucht, aber ein großer Anteil der Flächenentwicklungskosten gehen (zunächst) offensichtlich zu Lasten der Vereins. Die Kosten sind gegenüber den ersten Schätzungen vor Jahren mittlerweile um rund das Doppelte gestiegen. Zunächst ging man von gut 400 Millionen Pfund aus. Inwieweit sich Tottenham auch an der Verbesserung der Infrastruktur beteiligen muss, ist dabei nicht wirklich bekannt. Für das vielfach höhere Zuschaueraufkommen (der Neubau fasst 62.000 Besucher) müssen und sollen die umliegenden Bahnhöfe White Hart Lane, Northumberland Park und Tottenham Hale teils erweitert, modernisiert und über neue Wegebeziehungen besser angebunden werden. Richtung U- Bahn Station Seven Sisters sollen mehr Busse eingesetzt, die Taktfrequenz der U- Bahn Linie Victoria Line an Spieltagen erhöht werden. Wer schon einmal vor Ort war, kann sich gut ausmalen, wenn sich plötzlich bis zu knapp 30.000 Menschen zusätzlich als bisher rund um die überschaubar große High Road und Umgebung ergießen.
Seit den Planungen und Verhandlungen engagieren sich die Spurs (natürlich nicht ganz uneigennützig) stärker mit verschiedenen Projekten im Stadtteil, sorgen für mehr Arbeitsplätze während der Bauphase und im späteren Betrieb. Über entsprechende Projekte und Plattformen entstanden für die Bauzeit bis zu 1000 neue Arbeitsplätze. Diese Zahl, schenkt man den Veröffentlichungen des Vereins glauben, soll sich nach der Inbetriebnahme des Projektes auf bis zu 3.600 erhöhen. Sie sollen aus dem Stadtteil heraus entstehen. Aus der Ferne eine Win Win Situation für die beiden Parteien Stadt und Verein. Nebenbei hat sich die sozialpolitische Situation vor Ort schon bis heute erheblich verbessert, nach dem sich die Politik nach den Unruhen in 2011 endlich Stadtteilentwicklungspolitisch mit dem Bezirk Tottenham befasst. Allerdings gehen mit derartigen Prozessen natürlich auch die üblichen Verdrängungen einher. So extrem bunt und dabei arm, wie vor zehn oder mehr Jahren ist Tottenham schon jetzt nicht mehr. Die unter freiem Himmel hinter zugehängten, gespannten Wäscheleinen angebotenen Massagedienste an der High Road sind beispielsweise verschwunden. Neue Geschäfte und Restaurants haben eröffnet. Das Sportcenter wurde ebenso aufgehübscht und erweitert. Wohnungsbauprojekte wurden und werden vorangetrieben. Der im ersten Bauabschnitt errichtete Großsupermarkt mit Tiefgarage ist längst in Betrieb. Insgesamt kann das Vorhaben aus meiner Sicht als durchaus positiv für den Bezirk angesehen werden. Er bringt auf jeden Fall regelmäßige Kaufkraft in den Norden von London. Auch, wenn man sich sicherlich erst noch an das riesige Bauwerk gewöhnen werden muss, wo vorher überschaubar hohe Gebäude mit teils gewerblicher Nutzung gestanden haben.

Das Stadionkonstrukt

Die Konstruktion ähnelt schon ein wenig dem Stadion des Rivalen Arsenal FC. Es erscheint auf den Animationen und Bildern im Inneren allerdings etwas kompakter und insgesamt auch steiler. Die Südtribüne macht auf aktuellen Fotos zumindest einen imposanten Eindruck. Die transparente Glasfassade soll Abends im „Tottenham Blau“ erstrahlen.
Wer neue Arenen toll findet, kommt in der neuen White Hart Lane voll auf seine Kosten: Zwei bzw. drei Ränge, viel Glas, geschwungene Tribünenformen sowie großzügige Merchandise und (Non-) Food Bereiche kennzeichnen das Rund. Insgesamt wird es 8000 Plätze(!) im Business Seats – und Logenbereich geben. Zum Vergleich: Der FC Bayern kommt mit ca. 3400 aus. Ein besonderer VIP Bereich im Eingangsbereich zum Rasen ersetzt den klassischen Spielertunnel. Es ist von der längsten Theke Englands (86 m), einer eigenen Brauerei und Bäckerei die Rede. Die Namensrechte der Arena werden selbstredend veräußert. Auch ein Deal mit der amerikanischen NFL wurde bereits geschlossen. Die vermarktungstechnisch auf europäischen Boden ausgetragenen Begegnungen der National Football League finden ab der Saison 2018/2019 in Tottenham statt. Viel mehr Business geht nicht. Heilen soll den grenzenlosen Kommerz die neue einrangige, 17.000 Besucher fassende Südtribüne nach Dortmunder Vorbild, die zum Stimmungskern auserkoren werden soll. Allerdings mit Sitzplätzen. Den Verantwortlichen schwant anscheinend, was sie erwartet. Denn allein mehr Zuschauer als an der alten WHL (oder vielleicht besser gesagt hinzugewonnen Kunden?) werden die meist gut gewesene Stimmung nicht verbessern. Erfahrungsgemäß eher das Gegenteil. Außerdem werden die bis zu 3.000 Gäste, anders als bisher, gegenüber vom „Stimmungskern“ auf der Nordtribüne platziert. Damit fehlt auf jeden Fall schon mal ein liebgewonnener Reibungspunkt. Die Planer setzen sogar noch einen drauf: Einen in der Mitte der Südtribüne platzierten Business Bereich. Stimmungsfördernd sieht anders aus…

Die Eintrittspreise

Den meisten Dauerkarteninhabern und Mitgliedern scheint das alles zu gefallen. Sie stehen dem Projekt positiv gegenüber und hoffen damit dauerhaft im Kreis der Großen mitspielen zu können. Ich, als Fußball- und Stadionromantiker, sehe das allerdings naturgemäß komplett anders. Die Preisgestaltung ist für die meisten Fans allerdings dann doch ein dickes Brett. Monatelang rangen und diskutierten der Tottenham Supporters Trust (eine Art Fanvertretung) mit dem Verein um verträgliche Ansätze. Doch so nötig wie Nachbar West Ham United, die mit relativ humanen Dauerkartenpreisen ihr neues Stadion gefüllt haben, hat es Tottenham nicht. Momentan schwimmt der Verein auf der Erfolgswelle eben ganz oben. Die günstigste Jahreskarte erhält der Fan für 795 Pfund, also rund 900 Euro. Davon gibt es aber nur sehr wenige, nämlich einen kleinen Block auf der Nordtribüne. Dort, wo Stimmung entstehen soll, geht es im Oberrang der Südtribüne unter dem Dach mit 875 Pfund los. Die meisten Karten sind allerdings dort in einer Preisspanne von 975 bis 1200 Pfund (rund 1.300 Euro) erhältlich. Aber das ist noch nicht die Spitze des Eisbergs. Für schlappe 1.882 Pfund erhalten mehrere Hundert Business Kunden einen Platz mitten unter den Fans in dem Bereich (ich wiederhole mich), der als einrangige Südtribüne als Stimmungskern ausgerufen wird. Kommentar überflüssig… Auf der Haupttribüne werden übrigens bis zu 1.995 Pfund aufgerufen. Wieviele Dauerkarten schlussendlich verkauft wurden, ist derzeit nicht bekannt. Es sollen nach alten Planungen bis zu 42.000 Dauerkarten an den Mann/Frau gebracht werden. Da es eine zweite Verkaufsphase an Mitglieder gegeben hat, scheinen nicht alle Jahreskarteninhaber aus der vergangenen Saison ihr Abo verlängert zu haben. Wäre bei den Preisen auch kein Wunder. Nach Abzug der Business Seats und Auswärtskontingente verbleiben vermutlich bis zu rund 10.000 Einzelkarten für einen Mitglieder oder freien Verkauf übrig. Die Preise für Tageskarten wurden noch nicht veröffentlicht. Auch hier ist mit saftigen Erhöhungen zur rechnen.

Fest steht: Für einfache Mitglieder ohne Dauerkarte wird es aber nun schier unmöglich an Einzelkarten für Auswärtsspiele oder Cup Spiele im Wembley zu kommen. Ursache ist neben dem sportlichen Erfolg und der festgesetzten Preisobergrenze für Auswärtstickets in Höhe von 30 Pfund auch die wachsende Anzahl an Dauerkarten. Die Tickets werden zunächst ausschließlich an Dauerkarteninhaber anhand des Loyalty Point Systems vergeben (ein Punkte- Sammel- System für Auswärtsspiele) und erst danach, wenn Karten übrig bleiben, nach einem ähnlichen Schema an Mitglieder. Aus meiner Sicht ist das alles ziemlich Schade. Ich bin gespannt, ob das ganze Projekt dauerhaft so aufgeht. Im Moment erscheint es aufgrund des sportlichen Höhenfluges aber so. Auf jeden Fall ist, mit Ausnahme des Standortes und der dazugehörigen Kneipen und Bars, so gut wie nichts mehr so wie vorher. Die (Geld-) Maschinerie läuft an. Mal sehen, wie das endet.
Für Anfang August sind die notwendigen Inbetriebnahme- und Evakuierungsübungen geplant. Das erste Spiel im neuen Stadion findet am 15. September gegen den FC Liverpool statt.

Aktuelle Fotos sowie eine ausführliche Galerie findet ihr hier:

https://www.tottenhamhotspur.com/news/2018/july/new-stadium-latest-aerial-photos-july-21/

http://new-stadium.tottenhamhotspur.com/interact/

Wigan Athletic – FC Southampton 0:2 18.03.2018

DW Stadium , FA Cup Viertelfinale Tag 2 des England- Wochenendes

Tag 1 findet ihr hier: https://nebensachefussball.wordpress.com/2018/03/28/huddersfield-town-fc-crystal-palace-02/

Der morgen begann mit einem ordentlichen Schreck: Der Blick aus dem Fenster und auf die App der National Rail (britische Eisenbahn) verhieß nichts Gutes: Schnee und angekündigte Bahnstreckenunterbrechungen in roter Farbe mit Ausrufzeichen. Englandfahrer wissen um dessen Bedeutung. Auch die vier niederländischen Groundhopper aus Utrecht aus demselben Hotel checkten hektisch Alternativen zur Bahn. Das Viertelfinalspiel des englischen Pokals in Wigan (nähe Manchester), lockte erwartungsgemäß viele Stadionsammler an: Die Anstoßzeit um 13.30 Uhr lag noch perfekt für einen abendlichen Rückflug am Sonntag. David spielte gegen Goliath und Tickets gab es relativ problemlos im General Sale zu erstehen. So war es auch nicht verwunderlich, dass überall immer wieder Embleme anderer Vereine an diversen Kleidungstücken zu sehen waren. Die Züge fuhren entgegen aller Warnungen zumindest nach Wigan halbwegs planmäßig. Der Rest eher nicht. Die Menschentraube vor den elektronischen und, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftigen bis unübersichtlichen Zugverbindungsanzeigern war diesmal besonders groß. Dafür platzte dann der auserwählte Zug mit schlappen drei Waggons mal wieder komplett aus allen Nähten. Es war die Variante Kontaktstehplatz im Gang oder Kuschelsitzplatz mit Jacke, Taschen und/oder Rucksäcken auf den Knien. Aber für 6,90 Pfund Hin- und Rück wollen wir mal nicht meckern. Wigan hat übrigens zwei Bahnhöfe (North Western und Wallgate), die in der Innenstadt direkt nebeneinander liegen und beide von Manchester aus anfahrbar sind. Eine Planung, die sich nicht auf dem ersten Blick erschließt: Sie wurden mal von zwei verschiedenen Eisenbahngesellschaften gebaut und betrieben. Der erste Richtung Preston im Norden und der zweite Richtung Manchester im Süden. Heute sind beide Durchgangsbahnhöfe und werden parallel weiterhin genutzt. Woanders hätte man schon längst einen daraus gemacht.

Viel zu bieten hat die Stadt Wigan leider nicht. War sie früher ein gemachter Standort der Schwerindustrie, hat sie heute immer noch spürbar mit dem Niedergang dieser zu kämpfen. Im Stadtkern findet man ein paar historische Fachwerkhäuser, sowie die wegen ihres normannischen Turmes sehenswerte All Saints Church. Mehr aber auch nicht. Immerhin fließt der „Leeds and Liverpool Canal“ durch Wigan. Ein Handelsweg zwischen den beiden Städten aus der Zeit um 1800, der heute überwiegend touristisch genutzt wird. Perfekt für Radtouren und Spaziergänge entlang der Ufer oder für schöne Bootstouren. Der Kanal und ich trafen uns nunmehr schon zum fünften Mal: In Leeds, Burnley (dort führt er als Hochkanal mitten durch die Stadt), Blackburn (da fließt er direkt am Ewood Park vorbei), in Liverpool und nun in Wigan. Der im Stadionführer empfohlene Spaziergang entlang des Ufers inklusive Einkehr in einem Biergarten viel diesmal aus. Bei stürmischem Wind mit Temperaturen um rund einem Grad wäre das auch kein Vergnügen geworden. Das Stadion liegt rund eine gute halbe Stunde Fußmarsch vom Bahnhof in einer Art Industrie- und Einkaufsarenal und trägt heute den Namen DW Stadium, nach einem Sport und Fitness Unternehmen des Besitzers David Whelan. Fertiggestellt wurde die Arena 1999 (ungefähr zur selben Zeit wie das Kirklees Stadium in Huddersfield) vom selben Bauunternehmen Alfred Mc Alpine. Die Architektur ist zwar eine grundlegend andere, aber die Tragkonstruktion des Daches zeigt eine ähnliche Handschrift. Auf den vier einrangigen und an den Seiten geschützten Tribünen finden 25. 138 Zuschauer Platz. Die Ecken sind offen. Also ein klassisches, einfaches Fußballstadion, bei dem der Fan nah dran am Geschehen ist. Heute sind 17.100 gekommen, um eine weitere Sensation der Latics gegen einen höherklassigen Verein zu sehen. Schon 2013 schafften sie als Absteiger aus der Premier League mit ihrem 1:0 Sieg gegen Manchester City im Endspiel des FA Cups eine Sensation. Diesmal schalteten sie die Citizens im Achtelfinale aus. Die fetten Jahre scheinen allerdings vorbei. Nach dem Abstieg 2013 aus der Premier League, der sie sieben Jahren angehörten, wurden sie bis in die Dritte Liga (die Football League One) durchgereicht. Dorthin, wo sie sich Jahrzehnte eigentlich aufgehalten haben. In diesem Jahr kommen sie aber zurück. Sie stehen als Aufsteiger in die Championship bereits fest.

Heute ist der FC Southampton aus dem Süden Englands zu Gast. Rund 5.000 Fans begleiteten ihren Club zum Spiel nach Wigan. Die Saints spielen derzeit gegen den Abstieg aus der Premierleague. Chancenlos waren die Latics also nicht von Anfang an. Genauso legten sie auch los, konnten spielerisch überzeugen und erarbeiteten sich den größeren Spielanteil. Nur die Torabschlüsse waren nicht zwingend genug. Die Stimmung im Rund war gut. In Hälfte zwei setzte sich die Erfahrung eines Erstligisten letztendlich durch. Nach einer Ecke gingen die Süd Engländer durch den Dänen Hojbjerg in der 62. Minute in Führung und leisteten sich sogar noch einen verschossenen Elfmeter, bevor sie den Sieg in der Nachspielzeit besiegelten. Der Favorit hatte sich also dann doch nach einem sehr unterhaltsamen Spiel durchgesetzt.
Die aktive Fanszene war auf dem East Stand an der Ecke zur Gästetribüne platziert. In den Blöcken ES1 bis ES3 wurde auch gestanden. Es wurden mehrmals bekannte Gesänge angestimmt, zweimal ein wenig Rauch gezündet und natürlich die in England üblichen Nettigkeiten ausgetauscht. Die Klamottenmarke der steinernden Insel war überpräsent. Wer erinnert sich noch an die skurrile Hooligan Serie von Danny Dyer im Jahre 2007? In irgendeiner Folge war er auch zu Gast bei Wigans Firm, die mir irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Dieses Typen hier waren ähnlich.
Mangels Einkehrmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe des Stadions kann ich nur den großen Pub im Bauch des East Stands empfehlen. Hier gibt es neben Bier auch ein Tee – und Kaffeebuffett mit einem großen Pasty Angebot. Ausreichend Sitzplätze sind ebenfalls vorhanden. Auffallend viele ältere Supporter (was ich auf der Insel sowieso immer interessant und schön finde) genießen hier ihr Pre Match Getränk.
Der Fußweg von der Bahnstation zum Stadion ist einfach zu finden, dauert aber gute 25- 30 Minuten. Auf dem Rückweg hatte ich Glück, dass ein mir bekannter Hopper aus Yorkshire (bei Twitter als @HipHoppingYorkshire zu finden, Markenzeichen: SC Victoria Hamburg Schal) mich mit seinem Auto zum Bahnhof brachte. Deswegen erreichte ich nicht nur einen Zug früher zurück nach Manchester (routinierte Vorsichtsmaßnahme bei schlechtem Wetter), sondern traf auch noch zwei netter Schalker, die die gleichen Pläne hatten. Diese waren am Vortag bei ihrem Fanclub Yorkshire Schalker in Leeds beim Derby gegen Sheffield Wednesday zu Gast. An dieser Stelle nette Grüße!

Bis dahin hatte allen widrigen Wetterbedingungen zum Trotz alles bestens funktioniert. Das eigentliche Drama stand mir allerdings noch bevor. Fuhr ich noch völlig tiefenentspannt, weil ausnahmsweise richtig früh, zum Flughafen, wartete dort das totale Chaos auf mich. Durch die chronisch unterbesetzte Sicherheitskontrolle dauerte die Wartezeit dort eine gute geschlagene Stunde. Inclusive einem britischem Improvisationstalent, das doch irgendwie an Mister Bean und seine Filmchen erinnerte. Wäre man nicht beteiligt gewesen, hätte man es gar als lustig empfinden können. Ähnlich lustig ging es schon auf der Hinfahrt am Bahnhof Airport Manchester zu. Als ein Lokführer aus dem abfahrbereiten (und auch angeschlagenen) Zug ausstieg, die Lok abschloss und mit der Empfehlung „doch besser den verspäteten Zug auf dem Nachbargleis zu nehmen“ von dannen zog und ratlose Kunden zurückließ. Immerhin wurde der von ihm empfohlene Zug von der gleichen Bahngesellschaft betrieben, so dass eine Mitfahrt überhaupt möglich war. Vom Airport Bahnhof fahren nämlich zwei Gesellschaften mit unterschiedlichen Preisen in die Stadt. Aufpassen ist da angesagt! Ebenfalls für Gelächter, allerdings nur unter den deutschen Passagieren, sorgte der Aufkleber mit dem Hinweis „Bums on seats please“.
Und wer mir den Standort des leisesten und gleichzeitig gefühlt langsamsten Aufzugs der Welt nennen kann, erhält als Preis einen Fußballschal. Versprochen!

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Wigan Athletic – FC Southampton 0:2 18.03.2018 from Nebensachefussball on Vimeo.

FK Austria Wien- SK Rapid Wien 0:4 15.04.2018

Ernst Happel Stadion, Österreichische Bundesliga

Im April 2018 fand das planmäßig letzte Stadtderby zwischen den beiden Wiener Vereinen FK Austria und SK Rapid im Ernst Happel Stadion statt. Zunächst trug der SK Rapid während der Neubauphase seines Stadions in Hüttelsdorf seine Heimspiele bis 2016 im österreichischen Nationalstadion aus, dann in den beiden vergangenen Saisons die FK Austria. Die Austria eröffnet ihre neue Generali Arena zur kommenden Saison. Rapids erstes Heimspiel in der neuen Allianz Arena (hier der Bericht) fand bereits im Oktober 2016 statt. Da die Pokalendspiele mittlerweile im sonst kaum genutzten EM Stadion von Klagenfurt (eine Story für sich) stattfinden, werden auf absehbare Zeit eben keine Derbys im großen Wiener Oval mehr ausgetragen. Grund genug, diesem zwar in die Jahre gekommenen, aber wunderbaren Stadion, noch einen Besuch abzustatten. Eben keine dieser neuen Kommerzarenen, sondern ein großes Oval mit einem Fassungsvermögen von rund 50.000 Zuschauern. Ohne Schnick Schnack, dafür mit old School Pissrinnen und viel Beton. Mangels Zeit gibt es allerdings diesmal keinen großen Artikel, sondern eine ausführliche Bilderstrecke, die für sich spricht.

Leider wurde das Spiel, vor allem zum Leidwesen der Rapid Fans, fast unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gebracht. Rapid bekam aus Sicherheitsgründen nur ein Kartenkontingent von 3.500 Plätzen zugesprochen. Ein paar Hundert Sitzplätze unterhalb des Gästeblockes wurden offensichtlich später doch noch freigegeben. Zu bekommen waren diese Tickets wohl nur gegen Angabe sämtlicher Personalien.
Die Austria, zahlenmäßig der SK Rapid seit jeher unterlegen, verkaufte ihrerseits Karten nur an Dauerkarteninhaber und Mitglieder. Man wollte, damit es ein Heimspiel bleibt, so wenig Rapidler wie möglich im Stadion haben. Das Ergebnis: Ganze 11.627 Besucher verloren sich im Rund. In den beiden Kurven jeweils die aktive Fanszene, auf der Haupttribüne die Vertreter der Presse und VIP`s und auf der Gegengeraden die typischen Sitzplatzbesucher der Austria und rund Zweihundert Rapidler, die sich über Austria Kanäle mit Tickets versorgt hatten. Dazwischen gefühlte Einhundert Meter Pufferblöcke. Da ja beide Fanszenen (mit leichten Vorteilen der Grün- weißen) standesgemäß mit allen denkbaren optischen Hilfsmitteln (Fahnen, Banner, Pyro, Blinker, Rauch) für einen würdigen Rahmen sorgten, war es dann auch ziemlich interessant. Man möge sich aber mal ein gut gefülltes Rund vorstellen. Es wäre mit Sicherheit ein schönes Spektakel.
Außerhalb des Stadions blieb es diesmal ziemlich ruhig. Das ist auch nicht immer so.

Auf dem Platz ließ Rapid keinen Zweifel auf ihre Favoritenrolle kommen. Sie spielten klar überlegen, einen technisch sehenswerten Fußball, der zu einem ungefährdeten 4:0 Erfolg über den Stadtrivalen im 326. Wiener Derby führte.
Mein Dank geht an die Rapidler, die mich unter den oben beschriebenen Bedingungen mit einer Eintrittskarte versorgten.

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FK Austria Wien – SK Rapid Wien 0:4 15.04.2018 from Nebensachefussball on Vimeo.