Unterwegs auf kleinen Plätzen

Hoppen während Corona. Von Maschen bis Hoheluft.

Mehrere Monate am Stück nicht auf einem Fußballplatz gewesen zu sein- daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Aber unter `m Strich war es zumindest im Sommer ganz gut zu verkraften. Umso schöner dann der Re-Start in die neue Saison. Den Einschränkungen der Pandemie und selbst auferlegtem Eigenschutz entsprechend, spielte sich das Hoppen mit ein paar wenigen Ausnahmen eher in unmittelbarer Umgebung ab. So wurden endlich mal Ziele angesteuert, die wegen der sonst regelmäßigen Profispiele nicht unterzubringen waren. Im nach hinein war es oft netter und sowieso entspannter als in den oberen Ligen. Meinetwegen kann es erst einmal gerne so weitergehen.

Zunächst galt es die verschiedenen Coronaverordnungen der Länder und Hygienekonzepte der Vereine zu studieren. Die waren und sind nämlich sehr unterschiedlich. Ich gebe zu, es war auch ein wenig nervig irgendwann. In Hamburg waren zum Bespiel bis zu 100 Zuschauer zugelassen, wenn es nur Stehplätze gibt. Über 100 nur, wenn ausschließlich Sitzplätze angeboten wurden. In Niedersachsen lag die Grenze schon bei schlappen 50. Viele Homepages und Facebookseiten der Vereine waren verwaist oder lieferten nicht die notwendigen Informationen. Am Sichersten entpuppte sich eine vorherige, direkte Anfrage beim Verein. Denn, teils wurden aus Platzgründen gar keine Zuschauer zugelassen, mal auch etwas mehr als die verordneten Einhundert. Frühes Erscheinen oder die Mitnahme von Klappstühlen erhöhte ebenso die Chance irgendwo dabei zu sein. Im Speckgürtel von Hamburg gibt es auf niedersächsischem Gebiet einige Vereine mit regelmäßigen Zuschauerzahlen größer 50, die auf die Sitzplatz- Regelung angewiesen sind. Wenn keine Sitzplätze angeboten werden können, wird halt um das Mitbringen von Stühlen gebeten. Kein Witz. Wer also im Sommer mit einem Klappstuhl unterwegs war, wollte nicht an den Anglersee, sondern zum Fußball. Eines vorweg: Das ging mir dann doch etwas zu weit. Außerdem stehe ich ohnehin lieber.

In einschlägigen Groundhopping Gruppen wurden umfangreiche Informationen über Coronaverordnungen und Hygienekonzepten gesammelt und ausgetauscht. Hoppen mal anders. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals einen derartigen Aufwand für den Besuch von unterklassigen Spielen betrieben zu haben.

Die erste Fahrt führte nach Maschen in Niedersachsen. Da wo die legendäre Band Truck Stop „ihr Studio hatte“.  Also mit maximal 50 Zuschauern.

VFL Maschen – Ahrensburger TSV   4:2       50 Zuschauer 

Rudolf- Sievers Arena 26.07.2020  Testspiel auf Level 7/6 (Bezirksliga/ Landesliga)

Wir zwei waren spät dran und durften daher nicht sofort auf den Platz. Nummer 50 und 51 war einer zu viel. Schön, dass jemand nach 15 Minuten die Anlage verließ und wir als Nachrücker die Anlage betreten konnten. Der betörende Duft des frischen Sommerrasens hat durchaus gefehlt. Da ist es auch egal, wer da eigentlich spielt. Der VFL Maschen ist ein Rauten lastiger Verein. Eindeutig erkennbar an den entsprechenden Tags, Aufklebern und Besuchern. Einige von denen wirkten zwar ganz schön schräg, aber so etwas verleiht eigentlich unbedeutenden Plätzen die sonst fehlende Würze. Ich mag das. Der HSV Fanclub „VFL Sponsoren Club Türlich Raute 1887“ bittet auf einer Werbebande um Aufmerksamkeit. Die auf dem Gelände befindliche Sporthalle wartet mit schönen Graffitis auf. Bratwurst & Co wurde aufgrund des Hygienekonzeptes nicht angeboten, aber im Clubheim musste nicht auf die obligatorische Kaltschale verzichtet werden.  Auf Nachfrage wurde sogar ein Nudelgericht angeboten. Mühe geben sich in diesen Zeiten wirklich fast alle. Das Spiel war, soweit ich mich erinnern kann, ganz unterhaltsam. Der eine Spielklasse höher angesiedelte Gast aus Ahrensburg gewann verdient mit 4:2.

 

Höinger SV- SV Schwarz- Weiß Fromern     5:2      60 Zuschauer 

Karl Kleine Stadion 02.08.2020  Testspiel (Level 8 Kreisliga)

Nach Monaten durfte endlich die Schwiegermutter für ein paar Stunden im Altersheim besucht werden. Der Weg führte uns also in die Ausläufer des Randsauerlandes. Den Tipp für den schicken Ground bekamen wir aus unserem örtlichen Schalke Fanclub. Zudem passte die Anstoßzeit von 13:00 Uhr nach einem ausgedehnten Frühstück perfekt in die weitere Reiseplanung. Der Ortsteil Höingen der Gemeinde Ense liegt mitten auf dem Höhenzug „Haarstrang“, der sich von Dortmund aus ostwärts bis in den Kreis Soest erstreckt. Eine schöne Landschaft, in der man übrigens auch ganz hervorragend Radeln kann. Die am Dorfrand in der Nähe eines Waldes gelegene Sportanlage bietet einen wunderbaren Blick in die Berge des Sauerlandes. Uns wurde nicht zu viel versprochen. Mit den ersten Spielen nach den Lockerungen wurde der nagelneue Kunstrasen eingeweiht. Auch deswegen war der Kick gut besucht. 60 Zuschauer machten das Testspiel zur Frühschoppenzeit zum Happening. Das trieb den Verantwortlichen schon ein wenig die Schweißperlen auf die Stirn. Eigentlich sollten sich die Besucher mit Abstand um das Spielfeld herum verteilen. Das funktionierte, sagen wir mal, nur leidlich. Dafür ist die überdachte Terrasse vor dem Clubheim mit samt kleiner, vorgelagerter Tribüne einfach zu einladend. Auf dem Platz war die Begegnung derweil hart umkämpft, teilweise ruppig. Die Stimmung gut. Ordentliches Kreisligagepöbel. Auch weil die Höinger zu Beginn der Partie kein Rezept gegen die schnelleren Gäste fanden. Erst als die Rot- Weißen ihre Abschlussschwäche ablegten bekamen sie den Gegner in den Griff und gewannen schlussendlich mit 5:2. Schicker Platz, freundliche Leute, nette Gespräche. Fußballherz, was willst du mehr.

 

DJK Einheit zu Pankow – SC Union 08  2:2  25 Zuschauer

Sportanlage Buchhorster Straße  01.09.2020  Testspiel (Kreisliga/ Bezirksliga)

Ein Spiel zu dem mir wirklich nichts Erwähnenswertes einfällt. Es handelte sich schlicht um das Einzige, welches in Berlin an jenem Dienstagabend angesetzt war. Immerhin lernte ich eine mir bis dato unbekannte Ecke der Hauptstadt kennen: Den Stadtteil Wilhelmsruh im Bezirk Pankow. Ein offenbar ruhiges, sowie hübsches Viertel mit so einigen, älteren Villen.  Genauso ruhig ging es auf dem Sportplatz zu. Zuschauer konnte ich später rund fünfundzwanzig ausmachen. Verpflegung gab es leider nicht. Irgendetwas Erwähnenswertes auch nicht. Es war ein ziemlich einsamer Abend auf einer relativ frisch renovierten Anlage: Ein Kunstrasenplatz mit einem ziemlich neuem Funktionsgebäude. Das Alte hinter dem Tor wirkte trotz noch vorhandener Getränkeschilder und dergleichen dem Abriss geweiht. Die Begegnung endete nebenbei bemerkt 2:2.

 

FC Viktoria Harburg – Dersimspor  3:5 n.E. (1:1)  75 Zuschauer

Charly Dörfel Platz  19.09.2020 Landespokal Hamburg

Die ersten Runden im Landespokal bescheren dem Interessierten meistens eine große Auswahl an unbekannten Plätzen. Unsere Wahl fiel auf einen Platz im Stadtteil Harburg, der schon lange besucht werden wollte. Obendrein konnte die Paarung auch irgendwie als ein lokales Derby eingestuft werden, denn beide Vereine teilen sich derzeit diese traditionelle Spielstätte. Den Namen Charly Dörfel Platz trägt sie allerdings erst seit etwas mehr als einem Jahr, obwohl er selbst (im Gegensatz zu Vater Friedo und Onkel Richard) dort nur ein paar Spiele zum Karriereausklang absolvierte. Die Familie Dörfel war demnach in Harburg schon immer tief verwurzelt. Ebenso wie die meines Kumpels Thorsten, dessen Vater zu seinen besten Zeiten ebenso die Fußballstiefel für die Blau- Gelben schnürte. Die Hochzeit der Viktoria endete nach mehreren Jahren in Hamburg`s höchster Spielklasse Anfang 1962. In der Saison 1959/60 spielte man sogar um den Aufstieg in die Oberliga Nord. Der Club wurde letztendlich Opfer der großen Hamburger Vereine, die schon damals regelmäßig die besten Talente aus Harburg abwarben. Bis zu 5.000 Zuschauer sollen den Erzählungen nach mitunter zu den Spielen an die Winsener Straße gepilgert sein. Kaum vorstellbar, wenn man die Anlage heute sieht. Die Tribüne längs des Spielfeldes wurde allerdings schon vor langer Zeit dem Erdboden gleich macht. Auf den anderen drei Seiten zeugen übrig gebliebene, mit Gras bewachsene Stufen Reste eines Stadions. Diese verleihen dem Ground aber einen gefälligen Charme. Wir machten uns früh auf den Weg, um garantiert unter den ersten 100 zugelassenen Augenzeugen dabei zu sein. Die Aufregung stellte sich aber als vollkommen unnötig dar. Nur handverlesene 75 Zuschauer wollten dabei sein. Zum Glück wurde bei schönem Sonnenschein ein kleines Catering angeboten. Dass wir den kompletten Samstag hier verbringen würden, ahnten wir da noch nicht. Das Spiel war ziemlich ausgeglichen. Der zwei Klassen Unterschied war zwar in der Spielanlage auszumachen, aber der Kurdische Club aus der Landesliga vergab großzügig seine Chancen oder scheiterte an dem gut aufgelegten Keeper des Kreisligisten. So lagen dann unsere Sympathien natürlich beim unterklassigen Team, gleich wohl wir insgeheim ein Ende der Partie erhofften. Schlussendlich kam es nach einer Verlängerung zum Showdown im Elfmeterschießen, in dem sich die Erfahrung durchsetze. Dersimspor zog mit einem 5:3 in die nächste Runde ein und wir von dannen.

 

SC Poppenbüttel – USC Paloma II  2:0  130 Zuschauer

Sportplatz Bültenkoppel  Bezirksliga Hamburg

Der SC Poppenbüttel ist ein großer Breitensportverein mit einem breitgefächertem Sportangebot im Nordosten Hamburgs. Im Fußball aber keine große Nummer. Vielleicht musste der Verein auch deswegen lange auf seinen Umbau des Platzes zu einem Kunstrasenplatz warten. Aber in diesem Sommer war es soweit. Die Anlage Bültenkoppel erstrahlt in neuem (Rasen-) glanz. 130 Zuschauer waren gemäß dem Hygienekonzept zugelassen, für ein Freitagabend Spiel nicht üppig. Frühes Erscheinen sicherte also den Zugang. Kurz nach Spielbeginn war die Obergrenze dann auch schon erreicht. Auch hier wurde außerhalb des Clubheims nichts Essbares angeboten, aber Hauptsache die Zapfanlage lief. An jenem sonnigen Herbstabend wurde diese auch gut frequentiert. Dennoch klappte das mit dem Abstand hier vorzüglich. Das Spiel war ebenso ganz unterhaltsam. Es entwickelte sich ein munteres Bezirksligaspielchen. Als Knaller entpuppte sich der Torjingel der Gastgeber. Nach einem kräftigen Ding Dong verstanden wir noch so etwas wie „Ich bin ein Saufautomat“. Fortan warteten nicht nur wir, sondern auch andere Hopper, gespannt auf ein weiteres Tor der Poppenbütteler und einer Wiederholung des Lachers. In der 77. Minute erlöste uns das 2:0. Nicht nur wir (mittlerweile dank Smartphone voll im Bilde) sangen scherzhaft mit: Saufi, Saufi. Warum der Stadionsprecher ausgerechnet so einen peinlichen Malle- Song ausgewählt hat, blieb uns verborgen. Er passte auf jeden Fall mal gar nicht zum anwesenden, eher gesetzten Publikum und rief daher auch keinerlei Reaktionen hervor. Mit Ausnahme bei uns.

SC Victoria Hamburg- Meiendorfer SV  8:1  270 Zuschauer

Stadion Hoheluft  02.10.2020   Oberliga Hamburg

Wie merkwürdig Hygienekonzepte ausgelegt werden (müssen) konnten wir an diesem Abend erleben. Schon vor der Pandemie ging es beim SC Victoria ziemlich Corona gerecht zu. Die rund 300 Anwesenden bei durchschnittlichen Heimspielen verloren sich in der Regel gut verteilt über die drei Tribünen des bis zu 8000 Zuschauer fassenden Stadion Hoheluft. Aufgrund der Vorgabe der Stadt oder des Hamburger Fußballverbandes (wer auch immer letztendlich diese Zahlen festgelegt hat) mussten sämtliche 270 Personen auf der einzigen Sitzplatztribüne Platz nehmen. Der Rest des großen Rundes blieb gähnend leer. Jede zweite Reihe war zwar gesperrt, besonders viel Abstand gab es dadurch aber nicht. Viele saßen nebeneinander, Grüppchenbildung inclusive. Der Ausschank von Alkohol tat während des Spielverlauf sein Übriges. Bier und Corona- Abstand passt halt nicht wirklich zusammen. Eine These, die sich (ohne, dass es jetzt irgendwo ausgeartet wäre) bei fast allen besuchten Spielen bestätigen ließ. Da Sitzen bekanntermaßen ohnehin für`n Arsch ist (im Winter erst recht), hielt sich unsere Begeisterung damit auch in Grenzen. Immerhin wurde das volle Programm der guten Verpflegung angeboten. Ebenso guter Fußball. Gefühlt gab es nur eine Richtung: Auf`s Tor der Meiendorfer. Unter der Leitung vom Ex- St. Paulianer Marius Ebbers entwickelte sich von Anpfiff an ein rasantes, schnelles Spiel auf Kunstrasen mit deutlicher Überlegenheit des Blau- Gelben Heimteams. Die Gäste aus dem Norden Hamburg`s wurden mit 8:1 (4:1 zur Pause) abgefertigt. Die Stimmung unter´ m Dach der ältesten noch stehenden Tribüne Norddeutschlands (nach einem Brand 1921 wieder aufgebaut) war dadurch prächtig. Wer hier noch nicht war, dem sei dieser schicke und gut erhaltene Ground sehr zu empfehlen. Viel mehr Tradition geht nicht. Schließlich wird hier schon seit 113 Jahren an ein und derselben Stelle gekickt. Zwischen 1911 und 1940 wurden an der Hohenluft sogar fünf Länderspiele ausgetragen. Das Fassungsvermögen wird heute mit 8.000 angegeben. Gut besucht wird es traditionell beim Endspiel des Hamburger Landespokals, welches jedes Jahr zu einem kleinen old school Fußballhappening mutiert. Der SC Victoria ist, bis auf zwei kurze Ausflüge in die Regionalliga Nord, heutzutage Dauergast in der Oberliga Hamburg. Er gehört mit seiner Gründung im Jahre 1895 zu den ältesten Vereinen Deutschlands und nahm als größten Erfolg der Vereinsgeschichte 1907 am Halbfinale der Deutschen Meisterschaft teil. Bekanntester Spieler dürfte Erwin Seeler, der Vater von „Uns Uwe“ sein. Aber auch Torhüter Walter Junghans und Stefan Effenberg schnürten einst als Jugendspieler hier die Stiefel. Heute versteht sich der Mehr- Sparten- Verein SC Victoria mit seinen mehreren Tausend Mitgliedern/Innen hauptsächlich als Stadtteilverein mit Fokus auf die jüngere Generation. Auf Ambitionen in höhere Fußballligen wird aufgrund der gestiegenen Anforderungen des DFB und damit verbunden Kosten an die vierte Spielklasse mittlerweile verzichtet. Konsequent. Allerdings hat es die Victoria auch zu Regionalligazeiten nicht geschafft, ihre Zuschauerzahlen dauerhaft signifikant zu steigern. Die jungen Fans, organisiert in der Gruppe Nord Kaos, gaben und geben sich bisweilen große Mühe, werden aber offenbar zu oft vereinsintern ausgebremst. Eigentlich schade! Denn, hier wäre mehr drin.

Fortsetzung folgt demnächst.

Unter anderem mit schönen Plätzen in der Regionalliga Nord und Oberliga Rheinland- Pfalz/ Saar.

Bradford City- AFC Wimbledon 0:0

The Valley Parade  04.05.2019

England Review 2019 Teil 3

Am Samstag stand für mich ein weiterer Leckerbissen auf dem Programm: Abstiegskrimi der Football League (Liga 3). Der Überraschungsaufsteiger aus London konnte sich über viele Wochen so gerade eben über den Nicht- Abstiegsplätzen der Tabelle halten. Um unabhängig von den Ergebnissen der Mitkonkurrenten die Liga zu halten, musste im letzten Spiel der Saison mindestens ein Unentschieden erkämpft werden. Bradford City stand schon längst als Absteiger fest, konnte aber gerade deswegen zu einem unangenehmen Gegner werden. Gute Voraussetzungen für einen spannenden Fußballnachmittag. Mit in der Verlosung im Kampf um den Abstieg waren derzeit noch Southend United, Plymouth Argyle und Shrewsbury Town.

Die Fahrt begann in Liverpool, wie meistens, in einem völlig überfüllten Zug eines IC Standards. Dieser bestand nämlich dank privatisierter Bahngesellschaft wie so oft nur aus drei Wagen, sollte aber die Reisenden bis nach Newcastle bringen. Mit an Bord auch zahlreiche Liverpool Fans, deren Verein eben dort heute zu Gast war. Umso besser für uns, dass wir ab Manchester in einer Regionalbahn Richtung West Yorkshire schaukelten. Zwar in einem dieser muffelnden, älteren Modellen mit fünf Sitzen in einer Reihe, aber wenigstens nicht überbelegt. Die Großstadt Bradford als Ziel ist in mehrerer Hinsicht interessant. Sie wurde in den Zeiten der Industrialisierung zu einem bedeutenden Zentrum der Wollverarbeitung. Davon ist selbstredend mit Ausnahme von einigen Industriedenkmälern heute leider kaum noch etwas übrig. Dafür aber die aufgrund von Zuwanderung damit einhergehende Bevölkerungsstruktur. Bradford besitzt noch heute den größten Anteil pakistanischstämmiger Bevölkerung in Großbritannien und zudem einen sehr hohen Anteil an Muslimen. Leider spiegelt sich diese Struktur in der Innenstadt nur bedingt wieder. Da habe ich im Londoner East End diesbezüglich schon prägendere Stadtteile mit spannenden Läden und Speisenangeboten gesehen. Vielleicht sind wir aber auch schlicht nicht in den richtigen Stadtteilen gewesen. Immerhin sieht die Innenstadt rund um den City Park ganz hübsch aus.

 

Der Bradford City FC kann auf jeden Fall als Traditionsverein bezeichnet werden. Er wurde 1903 in die Football League aufgenommen und konnte sich bis heute, allerdings ohne nennenswerte Erfolge, ununterbrochen in dieser halten. Besitzer ist momentan ein Deutscher Geschäftsmann Namens Stefan Rupp.

Das Stadion mit seinem klangvollem Namen „Valley Parade Stadium“ liegt unweit der Innenstadt fußläufig in rund fünfundzwanzig Minuten vom Bahnhof Bradford Interchange entfernt an einem Berghang gelegen. Traurige Berühmtheit erlangte die Spielstätte als im Mai 1985 die damalige Haupttribüne in Flammen aufging und 56 Zuschauer ihr Leben ließen. Aus diesem Grunde findet jedes Jahr im Mai, wie auch an diesem Spieltag, eine beeindruckende Gedenkzeremonie statt. Der Ground besitzt heute eine besonders auffällige, ungleichmäßige Struktur. Hinter einem Tor und zu rund drei Vierteln auf der Geraden türmt sich eine geschlossene Tribüne über zwei Ränge auf. Das letzte Viertel wurde irgendwie nicht vollendet. Gegenüber findet sich eine einrangige, nur halb so hohe Tribüne und links davon eine kleine wiederum zweirangige. Vermutlich alle zu unterschiedlichen Zeiten errichtet oder renoviert.

Irgendeinen Komfort mit Ausnahme eines im Angebot beschränkten Verpflegungsstandes gibt es nicht. Typisch englisch old school. Angeblich sollten 17.800 Zuschauer zugegen sein. Geschätzt hatte ich selbst vielleicht maximal 12.000. Viele der sonst treuen Dauerkarteninhaber haben sich das Spiel nach wochenlangen schlechten Leistungen wohl geschenkt. Eine der wenigen Ultragruppen des Landes leider auch. So war es auf Heimseite das komplette Spiel über ziemlich still. Schade.

Die Gäste werden in der Ecke auf der Gegengerade untergebracht. Nur bei gut besuchten Spielen oder übergroßem Gästeanhang wird die Hintertortribüne geöffnet. So wie an diesem Spieltag. Der AFC Wimbledon hatte nämlich über 2.000 Anhänger mit nach Bradford gebracht. Wir hatten uns im Vorwege über den Onlineshop Tickets im Gästeblock besorgt, die am Stadion hinterlegt waren. Die Stimmung im Gästeblock war zwar angespannt, lag aber von Anfang an deutlich über meinen Erwartungen. Im Prinzip wurde über die gesamte Spielzeit seitens der Londoner alles gegeben. Das sah auf dem Platz schon deutlich anders aus. Sichtbar gelähmt vor Angst brachten die Blau- Gelben so gut wie nichts Verwertbares auf dem Rasen zustande. Ich habe selten auf der Insel ein so schlechtes, zerfahrenes Spiel gesehen. Glücklicherweise lieferten „die Bantams“ aus Sicht der Gäste mehr oder weniger den gleichen Stiefel ab, so dass in den letzten rund zwanzig Minuten nur ein, zwei wirkliche Gefahren zu überstehen waren. Aufgrund der Spielstände auf den anderen Plätzen musste das Unentschieden auf jeden Fall gehalten werden, um nicht ins Tal der Tränen gestürzt zu werden. Die Anspannung war mittlerweile deutlich spürbar, aber „die Dons“ hatten Glück. Der (noch) mitgliedergeführte Club aus Wimbledon hatte das Unentschieden über die Zeit gerettet. Die eine Hälfte des Gästeanhangs zeigte ihre Gefühle auf dem Rasen. Die Ordner ließen sie zum Glück gewähren. Die andere Hälfte feierte auf der Tribüne. Der noch junge AFC Wimbledon, der von ehemaligen Fans des aus wirtschaftlichen Interessen aufgelösten und nach Milton Keynes verpflanzten FC Wimbledon im Jahre 2002 neu gegründet wurde, hatte die Liga gehalten. Die Erfolgsstory geht also weiter, nachdem sich das Team aus dem Level 9-10 der Non League bis in die dritte Profiliga hochgearbeitet hat. Derzeit wird in unmittelbarer Nähe der alten Wirkungsstätte des damaligen FC Wimbledon ein neues Stadion errichtet. The New Plough Lane. Dies ist aber eine eigene Geschichte, die hier oder auch hier nachgelesen werden kann. Empfehlen kann ich zudem hierzu den Podcast Höhrfehler Folge 63. Dort erhaltet ihr umfassende Informationen aus erster Hand über den aus meiner Sicht sympathischen Verein.

 

 

 

Everton FC – Burnley FC 2:0

Goodison Park  am 03.05.2019

England Review 2019 Teil 2

Anfang Mai stand wieder der traditionelle England- Doppler an. Nachdem wir im vergangenen Jahr bei feinstem Sonnenschein dem wundervollen Seebad Brighton und der Seestadt Portsmouth mit dem alt ehrwürdigen Fratton Park einen Besuch abgestattet haben, fiel die Wahl diesmal auf Liverpool. Liverpool mit seinem kulturellem Angebot, den (musikalischen) Ausgehmöglichkeiten, der Lage am Mersey River und seinen überaus aufgeschlossenen Einwohnern hat sich zuletzt zu meiner Lieblingsstadt in England entwickelt. Unser Ziel war eines der aus meiner Sicht schönsten Stadien Englands der alten Generation: Der Goodison Park. Erbaut 1892 war es das erste große englische Fußballstadion. 37.000 Zuschauer besuchten das erste FA Cup Finale 1894. Damals besaß das Rund noch eine Laufbahn, die im Zuge erster Ausbauten gleich wieder verschwand. Kein geringerer als Archibald Leith erweiterte den Goodison Park und realisierte Anfang des 20. Jahrhunderts zwei rangige Tribünen auf allen vier Seiten. Auch dieses stellte damals ein Novum dar. Stolze 78.299 Besucher sahen 1948 das Stadtderby gegen den Liverpool FC. Der bis heute bestehende Zuschauerrekord. 1971 folgte der nächste Umbau. Diesmal bekam der Goodison Road Stand sogar eine drei- rangige Tribüne. Für mich eines der imposantesten und ebenso schönsten Fußballbauwerke der Insel. 1994 fand die bis heute letzte gravierende Umbaumaßnahme statt. Das Park End hinter einer der Torseiten wurde erneuert und erhielt eine Tribüne mit nur einem Rang. Diese besitzt auch als Einzige keine Pfeiler mehr. Die Tragfähigkeit aller anderen Ränge und Dächer wird, wie damals eben zeitgemäß, über eine Vielzahl von Stützen sichergestellt. Das sorgt in vielen Bereichen für echte Sichtbehinderungen, die man bei einem Besuch von alten Fußballtempeln aber in Kauf nehmen muss. In der heutigen Form fasst der Goodison Park 39.571 Plätze.

 

Ich fühlte mich sehr an die alte White Hart Lane erinnert, auch, weil der Bau mit Ausnahme einiger Kioske und in die Jahre gekommenen WC Anlagen sonst nicht viel liefert. Bis zum geplanten Neubau in vielleicht fünf Jahren empfehle ich jedem, der noch nicht dort war, ein wenig Stadionromantik zu schnuppern. Vom Stadtzentrum aus fahren am Spieltag Shuttlebusse bis zum Ground, der von drei Seiten komplett von Häuserzeilen umschlossen ist. Nur die Seite Richtung Stanley Park, an dessen anderer Seite sich in rund 600 Metern Entfernung die Anfield Road befindet, ist unbebaut. Viel enger und damit schöner kann ein Stadion nicht im Stadtteil integriert sein. Allerdings fällt der Blick der Bewohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf nichts weiter als die riesige Rückwand der großen Tribünen.

 

In einer der Ecken befindet sich unmittelbar zum Spielfeld sogar eine Kirche, die St. Luke`s Church. Aus diesem Grunde finden in Everton am frühen Sonntagmorgen keine Fußballspiele statt. Diese Gottesdienste werden nicht gestört. In den Nebenräumen werden am Spieltag zu Charity Zwecken für einen fairen Preis Snacks und Getränke angeboten. Auf dem kleinen Platz unmittelbar davor steht seit kurzem eine Statue mit den drei verdienten Spielern Alan Ball, Colin Harvey und Howard Kendall. Die Traube der Neugierigen war entsprechend groß. Ein paar Pubs für das Pre Match Bier findet man natürlich auch. Unmittelbar gegenüber von der Tribünenwand zum Beispiel der People`s Pub im Windslow Hotel. Ein wunderschönes, altes Haus mit passenden Elementen in blauer Farbe. Dort lernten wir sogleich eine Familie kennen, die über drei Generationen im Besitz von Dauerkarten ist. Das 78- jährige Familienoberhaupt ist seit über 60 Jahren immer noch regelmäßiger Stadiongänger. Eine derartige Verbundenheit zollt mir immer wieder Respekt ab.

 

Das Spiel an jenem Flootlight Friday ist schnell erzählt. Der Everton FC hatte noch theoretische Chancen auf einen Europaleague Platz und musste diese Partie gegen den Burnley FC am zweitletzten Spieltag gewinnen. Das gelang auch gut, weil die Gäste nicht wirklich dagegen hielten. Für sie ging es nämlich um nichts mehr. Die Blues führten nach zwanzig Minuten mit 2:0 und verwalteten das Ergebnis bis zum Schluss so gut es ging. Kein wirklicher Leckerbissen, ein normales durchschnittliches Premierleague Spiel halt. So richtig Stimmung kam auch nicht auf. Dafür sind die Evertonians allerdings bekannt. Zum Einlaufen wurden im Unterrang der Tribüne an der Gwladys Street einige Blau- Weißen Fahnen geschwenkt, die bei Anpfiff aber sofort zur Seite gelegt wurden. Dazu wurde das gefällige Vereinslied gespielt und geträllert. Während des Spiels gab es noch gelegentlich einfache „Everton“ Anfeuerungsrufe und zarte Gesangeinlagen. Die gegenüber auf der Geraden positionierten Burnley Fans waren auch ab und an akustisch vernehmbar. Das war es dann aber auch schon. Trotzdem hat es mir dort alles in allem prima gefallen.

 

In Liverpool übrigens sowieso. Es gibt dort reichlich zu sehen: Eine riesige Kathedrale mit Aussichtsturm (einschließlich Blick auf beide Fußballtempel). Dort in der Nähe ein alternatives Viertel Namens Baltic Triangle mit Antikmärkten, coolen Bars und jede Menge Grafitti Kunst. Interessante Museen über die Beatles, Stadtgeschichte oder Maritimes, um nur einiges zu nennen. In der berühmten Mathew Street und ihrer Umgebung finden sich genügend Pubs und Clubs zum Abfeiern. Auch Möglichkeiten zum Shoppen gibt es reichlich. Ein „ must do“ ist die Fährfahrt über den Mersey River. Erwischt man eine der „touristischen“ Fähren (Cruise Route), die zusätzlich einen kleinen Sightseeing Schlenker machen, erhält man vom Band noch Wissenswertes über die Stadt und seinen Hafen, sowie ein wenig Musik auf die Ohren. „Ferry cross the Mersey“. Wer dabei keine gute Laune bekommt, ist selber schuld.

 

Übernachten kann man zu einem angemessen Preis und vernünftig im Ibis Hotel Centre Albert Dock unten am River oder auch im Aparthotel Adagio am Bahnhof Liverpool Central Station. Die Preise liegen an Heimspiel Wochenenden des FC Liverpool deutlich höher und manchmal bei anderen Großveranstaltungen jenseits von Gut und Böse. Das beste Frühstück der Stadt, ein komplettes „English Breakfast“ für schlappe 6,99 Pfund findet sich im Shiraz Palace gegenüber dem Bahnhof Central Station.

 

West Ham United- Newcastle United 2:0 02.03.2019

und Watford FC -Leicester City  2:1  03.03.2019

England Review 2019 Teil 1

London Stadium: West Ham United- Newcastle United 2:0 Zuschauer 58.000

Nachdem der Boleyn Ground endgültig Geschichte ist, war es an der Zeit den verlorenen Stadionpunkt wieder gut zu machen. Da ich i.d.R. bei meinen London Besuchen aufgrund des angemessenen Preis- /Leistungsverhältnis mittlerweile in Stratford anstatt in der überteuerten Innenstadt übernachte, konnte ich den Umbau des London Stadiums von einem 80.000 Zuschauer fassenden Olympiastadion zur neuen Heimstätte der Irons aus dem Osten Londons fast komplett verfolgen. Die gesamte Konstruktion wurde schon beim Bau so ausgelegt, dass ein Rückbau auf 66.000 Zuschauer (zugelassen bei Fußballspielen sind derzeit 60.000) möglich war. Zudem sollte für das Event Fußball die Laufbahn kaschiert werden, damit Fans des runden Leders den Eindruck verspüren nahe am Geschehen zu sein. Der Unterrang kann mit Ausnahme der Haupttribüne über die Fläche der Laufbahn Richtung Spielfeld geschoben werden. Dadurch sitzen die Zuschauer tatsächlich näher am Gras. Zwischen den Rängen entsteht allerdings eine teils begehbare, beträchtliche Lücke, die den Oberrang baulich, optisch und stimmungsmäßig vom Rest der Tribüne trennt. Eine merkwürdige Konstruktion, die sich besonders durch den zweigeteilten Gästeblock negativ bemerkbar macht. Ansonsten macht die Architektur einen gefälligen Eindruck. Die aufwendige Stahlkonstruktion ersetzt den bei uns so gerne eingesetzten schnöden Beton. Auf besonderen Schnickschnack teurer Glasfassaden oder edlem Innenausbau, wie beim neuen Tottenham Stadium, wurde weitestgehend verzichtet. Dafür wurden bei der Farbwahl der Außenverkleidungen und Sitze auf die gefälligen Vereinsfarben von West Ham United gesetzt. Mir gefällt`s optisch. Wer mal von oben in das weite Runde schauen möchte, dem sei der nebenan errichtete 115 Meter hohe Aussichtsturm zu empfehlen. Von dort hat man nicht nur einen schönen Blick in das Stadion, sondern über den gesamtem Queen- Elisabeth- Olympiapark und weite Teile Londons.

Aber: Alles andere, was einen Besuch der Hammers über Jahrzehnte ausmachte, ist komplett verloren gegangen. Keine Green Street mit ihren alten Reihenhäusern. Keine alten Pubs (das Boleyn und das Queens sind sowieso unersetzbar). Keine ranzigen Fish & Ships Buden. Keine Sträßchen, in denen Fans mal an einander geraten könnten. Nichts. Im nahen Einkaufszentrum findet man ein, zwei moderne, gesichtslose Sport Bars. Viel mehr nicht. Der schon abseits gelegene Pub The Carpenters Arms in der gleichnamigen Straße soll zu so etwas wie einem Pub für Heimfans geworden sein. Man verpflegt sich also in der sterilen Essmeile im Westfield Shopping Center oder an der Food Truck Meile rund um das Stadion. Dorthin gelangt, wer aus der Tube oder Railway Station Stratford den menschlichen Wegweisern folgt. Scheinbar gibt es zu jedem Heimspiel noch jede Menge Fußballtouristen, die die Wege noch nicht kennen… Nach Schlusspfiff ist man den in England weit verbreitenden üblichen Gängelungen ausgesetzt. Wer nicht direkt zurück zur Bahn möchte, hat schlechte Karten. Der Zutritt auf das Gelände des Shopping Centers wird einem verwehrt. Nur nach einer kompletten Umrundung des Centers oder durch Vorspielen falscher Tatsachen an einem Nebeneingang im Parkhaus gelangt man an Speis und Trank oder was auch immer.

 

Tickets erhält man übrigens so gut wie zu jedem Spiel in einem freien Verkauf. Für Risikospiele wird manchmal eine Booking History benötigt. Nur im Ausnahmefall gehen Tickets einzig an Dauerkarteninhaber oder Mitglieder. Viele Begegnungen sind nicht ausverkauft. Die veröffentlichten Zuschauerzahlen seien oft geschönt oder viele Freikarten verteilt worden, schreiben manche Zeitungen. Auch Dauerkarten waren zur Eröffnung problemlos ab rund dreihundert Pfund aufwärts zu erstehen. Für Premier League Verhältnisse ein Schnäppchen. Die Stadionkapazität hat sich gegenüber dem alten Ground mit 35.000 Besuchern immerhin fast verdoppelt. Das macht sich leider auch an der Atmosphäre im Inneren bemerkbar. War die Anhängerschaft von West Ham schon im Boleyn Ground nicht als das non plus Ultra in Sachen Stimmung bekannt, scheint diese nun vollends abhandengekommen zu sein. Zu Weitläufig ist das Rund. Zu groß die Anzahl neuerem (Event-) Publikum. Die Tribünen merkwürdig geteilt. Alles nicht stimmungsfördernd. Gesänge kamen kaum auf. Von der eigentlichen Heimkurve gegenüber vom Away End war ernsthaft wenig zu vernehmen. Selbst die Seifenblasenmaschinerie zum Vereinsleid schockt hier irgendwie nicht. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu sehr Romantiker. Das nicht besonders aufregende Spiel auf dem Rasen mag natürlich auch seinen Teil dazu beigetragen haben. Für jemanden, der gerne und mehrfach im Boleyn Ground war, ist das hier Gebotene eine einzige Enttäuschung. Bitter für einen derart traditionellen Verein. Lediglich die üblichen Frotzeleien und Pöbeleien am Gästeblock brachten noch ein wenig Spaß. Spaß auf anderer Weise hätte ich offensichtlich auch auf der Fressmeile haben können, erfahre ich während des Spiels. Empfohlen wurde mir der BBQ Stand „The Rib Man“, an dem eine „Holy Shit Sauce“ (mega scharf) kredenzt wird. Da war es wohl besser für mich, dass der Laden nach dem Spiel schon geschlossen hatte.

 

So nebenbei schlug West Ham den Gast aus Newcastle ziemlich ungefährdet mit 2:0. Es wurde wenig rasanter, aber durchschnittlicher Premier League Fußball geboten. Soweit ich das erkennen konnte. Die Sicht im Oberrang der Kurve entsprach nämlich mindestens der aus der letzten Reihe im alten Parkstadion. Man befindet sich also weit weg vom Geschehen. Meine Prognose: Wer nicht gerade eine Verbundenheit zu einem der beiden spielenden Vereine pflegt, kommt so schnell nicht wieder. Schon deswegen sollte man sich selbst für einen Einmalbesuch eines der vermeintlich besseren Begegnungen auswählen.

 

 

Vicarage Road : Watford FC- Leicester City 2:1  Zuschauer 20.200

 

Der Watford Football Club gehört zwar aus meiner Sicht zu den eher sympathischen Vereinen im englischen Fußball Business, aber auch irgendwie zu den Unspektakulären. Meine Einschätzung wurde mehr als bestätigt. Deswegen verliere an dieser Stelle auch nur ein paar wenige Zeilen. In den letzten zwanzig Jahren halten sich die Hornissen (so der Nickname) entweder in der ersten oder zweiten Liga auf. Hauptclubeigner ist derzeit eine italienische Unternehmerfamilie. Der in Watford aufgewachsene ehemalige Clubbesitzer und langjährige Präsident Elton John hält heute nur noch Anteile. Dafür wurde aber eine Tribüne nach ihm benannt, der Elton John Stand. Die Vicarage Road mit 21.438 Plätzen gehört zu den in die Jahre gekommenen Stadien. Es ist also durchaus ein Ort für Stadionromantiker.

Der Weg aus dem Londoner Stadtzentrum ist mühselig. Am schnellsten geht es noch mit der normalen Bahn ab London Euston und dann in einem rund zwanzig Minütigen Spaziergang ab der Station Watford Junction. Insgesamt müssen aber mindestens eine gute Stunde eingeplant werden. Das Stadion liegt mitten in der Stadt, also so, wie man es sich in England wünscht. Nach Abholung der hinterlegten Karten und der üblichen Fotosession genehmigte ich mir in Ruhe einen Becher Bovril. Der sonst übliche Pubbesuch musste mangels Zeit mal ausfallen. Zu Gast war heute das Überraschungsteam von 2016 Leicester City mit ihrem neuen Manager Brandan Rodgers im Gepäck. Aufgrund seines erzwungenen Wechsels während der Saison vom Celtic FC nach Watford wurde er vom Heimpublikum erst einmal kräftig ausgebuht. Das Spiel war eigentlich ausgeglichen und ganz ordentlich. Dennoch kam, besonders auf Seiten der Schwarz- Gelben, kaum Stimmung auf. Der Herr neben mir zeigte so irgendwie gar keine Regung, nicht mal beim 1:0. So etwas macht mich ja wahnsinnig. Auch der Rest des Runds war teilweise so leise, dass man die Rufe der Spieler auf dem Platz mehr als deutlich wahrnehmen konnte. Deswegen tat der Ausgleich zum 1:1 zumindest dem Support aus dem Away Block ganz gut. Ein echter Aufreger wurde das Spiel auf den Tribünen aber dennoch nicht, auch wenn es auf dem Platz ziemlich munter hin und her ging. Wegen unseres straffen Zeitplans zum Rückflug ab Gatwick verließen wir kurz vor Anbruch der letzten Minute das geschehen und wurden dafür prompt bestraft. In der Nachspielzeit erzielte Watford den Siegtreffer zum 2:1. Das Stadion schien förmlich zu platzen. Der Torjubel kam auch in den umliegenden Sträßchen gut zur Geltung. Dabei kam mir in den Sinn, mal ein komplettes Spiel außerhalb eines Stadions in einem englischen Wohngebiet zu verbringen. Wäre auch mal eine interessante Erfahrung. Fazit: Bestimmt ein netter Club in netter Umgebung, aber der Wiederholungsfaktor ohne Beteiligung eines eigenen Vereins ist eher gering.

 

 

 

 

 

 

St. Roch`s FC: Ein besonderer Amateurverein

St. Roch`s FC – Neilston Juniors  0:2  James McGrory Park, Glasgow

Scottish Junior Football Association West Region Championship (Level 7)

In dieser Saison feiert der kleine, aber feine St. Roch`s Football Club seine große Jubiläumssaison. Auf stolze Einhundert Jahre kann er zurückblicken. Ursprünglich wurde er als Feeder Club für den großen Nachbarn Celtic FC gegründet, fungierte also quasi als Nachwuchs- bzw. Junioren Team. Mit James McGrory, dem Namensgeber des heutigen Fußballplatzes, wurde jemand aus ihren Reihen sogar ziemlich berühmt. Als dann später bei allen großen Vereinen eigene entsprechende Nachwuchs Mannschaften etabliert wurden, ging der Stadtteilverein an der Royston Road seinen eigenen Weg und etablierte sich im schottischen Junior Football Ligasystem. Dieses entspricht so ungefähr dem Non League System in England oder den unteren Amateurligen im deutschen Fußball. Auch, wenn der Begriff Junior benutzt wird, haben diese in dem Verband organisierten Ligen nichts mit dem Jugendfußball gemein. Es handelt sich also in diesem Fall quasi um die 1. Herrenmannschaft des Vereins, die im reinen Amateurbereich (ab Level 6 und tiefer) in den Wettbewerb geht.

Es wäre also eigentlich ein ganz normaler, kleiner Fußballverein, wenn er nicht im Stadtteil Royston beheimatet wäre. Früher trug dieser Bezirk Glasgows den Namen Garngad, bevor er (warum konnte ich nicht herausfinden) 1942 durch eine Kampagne des Schulleiters der heutigen Secondary School umbenannt wurde. Der historische Name ist aber bis heute an vielen Stellen präsent. So tragen der noch örtliche Pub oder der Celtic Supportes Club die Bezeichnung Garngad. Das Viertel wurde schon im 17. Jahrhundert von irischen Arbeitern bevölkert, die an den Arbeiten von Wasserkanälen beteiligt waren. Durch die Eröffnung eines großen Chemiewerkes wurde die Gegend auch im darauf folgenden Jahrhundert durch Migration und der Arbeiterklasse geprägt. Wohnungen und Häuser waren entsprechend einfach. Noch vor dreißig bis vierzig Jahren war Royston wenig einladend, war eher berüchtigt für soziale Spannungen und damit einhergehender Straßengewalt. Erste stadtteilentwicklungspolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensumstände begannen. Die überalterten Reihenhäuser wurden durch neue ersetzt. Einige der schmuddeligen Hochhäuser wurden saniert, andere abgerissen. Trotzdem ist die Gegend um die katholische Kirche St. Roch`s immer noch crazy und eher arm als reich. Ein guter Grund für den Verein St. Roch`s FC sich in seinem Stadtteil für dessen Bewohner zu engagieren, wo der Staat keine Hilfestellungen mehr leistet. Sei es nur, sie zum Fußballspielen zu animieren oder regelmäßig zu den Spielen zu locken, um Teil eines Vereins zu sein. Den Machern und Helfern ist dieses aber nicht genug. Sie organisieren Lernhilfen für Schüler, die sich Nachhilfestunden nicht leisten können oder  Bewegungs- und Laufnachmittage für Personen, die eine derartige Unterstützung benötigen. Eine Zusammenarbeit besteht darüber hinaus mit der örtlichen Obdachlosenhilfe „The Invisibles“. Schnittstellen zu den Ultras vom Celtic FC, die auch Foodbanks organisieren, bestehen sowieso. Denn traditionell halten die Bewohner von Royston überwiegend zu ihrem großen  Bruder, dessen Stadion in Sichtweite liegt. Es wird also dort verdammt viel ehrenamtliche Arbeit geleistet.

Finanziert wird das Ganze durch Eintrittsgelder der Spiele, Spenden, Sponsoring und durch den Verkauf von eigenem Merch. Unter dem Motto „Candy Merch“ (der Spitzname des Club lautet the candy rock) werden über die Facebook Seite und Twitter Shirts, Mützen & Co vertrieben. Ein Versand ist aber nur in Ausnahmefällen möglich. So professionell geht es dann doch nicht zu. Die „Auslieferung“ erfolgt in der Regel direkt aus dem Kofferraum des Machers oder im Clubheim.
Für die Jubiläumsaison haben sich die Grün- Weißen etwas ganz Besonderes ausgedacht. Über diverse Kanäle in den neuen Medien bewarben sie eine Jubiläums Membership für 19,20 Pfund. Die Sache lief perfekt. Bei einer überragenden Zahl von Vierhundert Mitgliedern wurde die Kampagne geschlossen. Diese erhalten als Dank eine Club Anstecknadel sowie ein persönliches Zertifikat über die Mitgliedschaft. Der Knaller ist aber die Idee, alle vierhundert Namen auf dem aktuellen Saisontrikot zu verewigen. Und zwar auf der linken Seite des Trikots. Sehr gut designed. Super Idee. Auch, wenn eine Lupe und viel Geduld benötigt wird, um die Namen zu entziffern.
Gelesen und gehört hatte ich schon viel über diesen Club, der mit dem von mir über die Jahre liebgewonnenen Stadtteil Royston eng verwurzelt ist. Ein Grund mehr dort einmal bei einem Spiel vorbeizuschauen. Quasi am Rand des Stadtteils an der Royston Road findet sich der von außen unscheinbare James McGrory Park. Hinter einer grün- weißen Mauer erwartet den Besucher eine morbide, unscheinbare Anlage. Der Eingang könnte auch zu einer nicht mehr zeitgemäßen Hinterhofwerkstatt gehören. Hier ist nichts neu, mit Ausnahme der selbst gezimmerten, überdachten Tribüne. Da sämtliche Materialien irgendwie zusammen gesammelt wurden, passt diese aber nahtlos zum Rest der erheblich in die Jahre gekommenen Anlage. Ein Traum für jeden Non League Sozialromantiker! Die Stufen auf beiden Seiten des Platzes fassen maximal 4.420 Zuschauer. Oft werden über vierhundert Gäste bei den Heimspielen gezählt. Hinter `m Tor warten ein kleines Clubheim mit Speis und Trank sowie die Umkleidekabinen auf die Spieler und Besucher.

Der Namensgeber des Platzes ist kein geringerer als der größte britische Rekordtorschütze aller Zeiten James McGrory, der in den Zwanziger und Dreißiger- Jahren insgesamt 550 Pflichtspieltore, davon 522 für den Celtic Football Club erzielte und das Fußballspielen eben hier begann. Eine echte Legende also. Mit dem FC St. Roch`s gewann er 1922 noch den Scottish Junior Cup bevor er zu den Bhoys wechselte. Auch andere namhafte Vereinsspieler brachte der Verein früher hervor, wie z.B. den späteren Trainer des Millwall FC John Docherty. In der heutigen Zeit sind derartige Szenarien eher unwahrscheinlich.
Bei feinsten, schottischen Wetter (keine Ironie, tatsächlich Sonnenschein bei 18° C) sorgten heute 350 Zaungäste für eine angemessene Kulisse. Der große Bruder, Celtic FC, hatte spielfrei. Es hatten also alle Zeit. Die Stimmung (sonst gut) war leider eher durchwachsen. Die Kicker an der Royston Road sind sieglos in die Saison gestartet. Ein Punkt nach 7 Spielen sorgte für den Rücktritt des Trainers in den Tagen zuvor. Auch heute wurde die sportliche Wende nicht eingeleitet. Die Partie endete 0:2. Schlechte Laune hatte trotzdem niemand. Mit netten Begegnungen und Gesprächen aus dem Celtic und Royston Kosmos ging ein unterhaltsamer und für mich interessanter Nachmittag zu Ende. Ich komme gerne mal wieder vorbei.

 

Tottenham Hotspur – Huddersfield Town 4:0

Das neue Tottenham Hotspur Stadium

Premier League  13.04.2019

Am 03. April war es endlich soweit. Der neue Fußballtempel im Norden Londons konnte nach erheblichen Bauverzögerungen und mehrfachen Anläufen endlich eröffnet werden. Das Premier League Heimspiel gegen Crystal Palace war der Beginn einer neuen Ära in der Vereinsgeschichte der Spurs. Eigentlich sollte das fertige Rund schon rund sieben Monate früher eröffnet werden. Der ursprüngliche Terminplan war dann wohl doch (absehbar) zu optimistisch. Angeblich waren in erster Linie erhebliche Mängel und Verzögerungen der elektrischen Sicherheitssysteme die Ursache. Medienberichte aus England erzählten von Teils chaotischen Zuständen auf der Baustelle. Es war von ungelernten und berauschten Leiharbeitskräften die Rede. Insgesamt für ein derartiges Projekt schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass elektrische Sicherheitssysteme in einem Fußballstadion nicht gerade zu den komplizierteren Anlagen zählen. Wie dem auch sei, das Ding ist nun fertig.

Konstruktion

Über mögliche Auswirkungen auf den Stadtteil, die bauliche Konstruktion und deren Preisentwicklung habe ich an dieser Stelle schon einmal ausführlich geschrieben. Genaue Zahlen sind weiterhin nicht bekannt. Die Rede ist von rund einer Milliarde Euro, eine echte Ansage. Aber zugegeben, das Stadion macht einen wirklich edlen Eindruck und ist für einen Neubau der heutigen Zeit ein echter Hingucker. Die Fassade besteht aus Betonfertigteilen, großzügigen Glasflächen und perforierten Metallpaneelen als vorgesetzte Fassade. Eine bestimmte Anzahl der Paneele sind öffenbar und verstärken dadurch eine natürliche Belüftung und Belichtung der dahinter liegenden Bereiche. Hinter der Südtribüne befindet sich eine riesige Glasfassade, die großzügige Einblicke sowohl in das Stadioninnere als auch heraus ermöglicht. Im Inneren betritt man weitestgehend offene, großzügige Atrien, in denen über offene Treppenanlagen die einzelnen Ebenen zu den Tribünen erschlossen werden. Die Geländer der Zugangsebenen sind verglast, die seitlichen Treppenläufe auch mit filigranen Metallpaneelen verkleidet. Alles Indikatoren für einen hohen Baupreis. Für ein Stadion richtig edel.
Dem Ganzen vorgelagert ist direkt an der High Road ein Gebäude, welches den rund 24.000 Quadratmeter großen Fanstore aufnimmt und in welches das unter Denkmalschutz stehende Warmington House integriert wurde.
In der Park Lane, dort wo einst der South Stand war, ist der neuen Südtribüne eine Art offene Terrasse vorgelagert. In dessen äußere Begrenzungswand ist offensichtlich ein Stück der alten WHL- Fassade eingearbeitet. Ein nettes Detail. Darüber hinaus findet man natürlich alle anderen Dinge, die zu einem modernen Stadion dazu gehören: Großzügige Businessbereiche, eine Tiefgarage, jede Menge Service Points für Speisen und Getränke (ca. 60 Stück) und als „Highlight“ einen riesigen Pub mit eigener Brauerei. Ausführlich nachzulesen unter anderem hier.

Neben den Heimspielen sollen auch Football- Spiele der NFL im neuen Stadion stattfinden. Eine Kooperation mit der NFL wurde bereits vereinbart. Hierfür wurde unterhalb des gepflegten Rasens eigens ein Kunstrasenplatz angelegt, der dann wahlweise hervorgezaubert wird. Potential für internationale Endspiele der Uefa besitzt der Tempel sowieso.

 

Stimmung

Die Sicht auf das Spielfeld kann für ein derart großes Rund als zufriedenstellend beschrieben werden. Die oberen der drei Ränge sind so angelegt, dass die Entfernung zum Platz mehr als akzeptabel ist. Als Besonderheit wird der einrangige South Stand angepriesen. Als Vorbild wird immer wieder die Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions („the Yellow Wall“) genannt. Dummerweise gibt es dort gegenüber dem Original keine Stehplätze, so dass der Vergleich doch ganz schön hinkt. Nur im Unterrang, der als Safe Standing Area vorbereitet ist, wird derzeit das „Stehen“ generell geduldet. Der Rest muss sitzen. Beim Heimspiel gegen Huddersfield Town streiften die Ordner so lange durch die Reihen, bis alle entnervt Platz nahmen und das Singen einstellten. So kann man natürlich auch jede aufkeimende Stimmung im Kern ersticken und die „Stimmungstribüne“ ad absurdum führen. Überflüssigerweise werden im Herz dieser Südtribüne auch noch eine Art Businsess Seats für den 1882 er Club angeboten. Dass diese Besucher nicht stehen wollen, ist schon mal sowieso klar. Ein vorhersehbarer Konflikt. Auch die Preispolitik leistet hierzu ihren Beitrag. Durchschnittlich rund 1100 Euro sind für eine Dauerkarte auf dem South Stand hinter dem Tor zu berappen. Einzelkarten kosten z.B. im Oberrang der Südtribüne je nach Gegnerkategorie zwischen rund 67 und 86 Euro. Kein Schnäppchen. Deshalb wollte auch mein Spieltags- Sitznachbar nicht stehen und singen, sondern bequem sitzen und „schönen Fußball sehen“. Ausnahmen wird es bei Highlight Spielen natürlich geben. So wurde berichtet, dass bei den Championsleague Spielen gegen Manchester City und Ajax das Stehen wiederum geduldet wurde und dadurch eine bessere Stimmung generiert werden konnte. Der Weg zu einer echten „Yellow Wall“ ist allerdings noch mehr als weit! Ein neues Stadion macht nun mal nicht automatisch gute Stimmung. Fairerweise ist aber auch zu konstatieren, dass die Stimmung bei durchschnittlichen Premierleague Spielen an der alten White Hart Lane nicht schlecht, aber ebenso wenig hervorzuheben war.

Ticketing

Nach Abzug der rund 42.000 ausgegebenen Dauerkarten, 8000 Business Seats (!), 3.000 Gästefans und Pufferzonen oder nicht verkauften Platzreihen verbleiben bei einer Kapazität von 62.000 Zuschauern ca. 7.000 bis 8.000 Plätze für den Einzelverkauf. Bei FA Cup Spielen, bei denen das Gästekontingent bis zu 15 Prozent betragen kann, entsprechend weniger. Ob für solche Fälle Dauerkarten ohne Berechtigung für diese Spiele ausgegeben wurden, um dann mehr als Schlappe 3.000 Einzelkarten anbieten zu können, ist mir derzeit nicht bekannt. Die ersten Spiele waren natürlich komplett und innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Bei den CL Spielen schrieben viele von einem „Nightmare“ während des Onlineverkaufs. Eine Mitgliedschaft muss man derzeit schon besitzen. In den freien Verkauf gingen bisher keine der Heimspiele. Auch beim Ticket Exchange, in dem Dauerkartenbesitzer ihre Plätze offiziell anbieten können, war bisher eine Mitgliedschaft erforderlich, um diese Tickets erstehen zu können. Damit Dauerkarteninhaber ihre Karten nicht einfach so weitergeben, möchte der Club, dass die betreffenden Spiele über das Ticketing System weitergeben werden. Hierfür muss derjenige denn lediglich einen Account bei Tottenham besitzen und kann sich die Karte als E- Ticket ausdrucken. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Vergabe von zugeteilten Fanclubkarten. Von denen es allerdings nur eine sehr begrenzte Anzahl gibt.
Die Dauerkartenpreise liegen zwischen 795 Pfund (für ein paar wenige Plätze) bis zu 1.995 Pfund auf den Geraden. Die Einzelpreise liegen für ein Kategorie A Match zwischen 52 und 98 Pfund. Damit ist Tottenham zu den teuersten Vereinen in England aufgestiegen. Wohl dem, der es sich leisten kann.

 

Stadtteil

Welche Auswirkungen der Betrieb dieses Bauwerks mittelfristig auf den Stadtteil haben kann, können nur Stadtentwicklungsexperten beurteilen. Es entstehen sicherlich hier und da Arbeitsplätze, vor allem aber an Spieltagen. Viel Geld sollen die Zuschauer vorranging im Stadion ausgeben. Es wird massiv mit frühen Öffnungszeiten und entsprechenden Facility Points mit einem umfangreichen Speisen- und Getränkeangebot geworben. Nach meinen Beobachtungen wurde dieses bei diesem Spiel auch sehr gut angenommen. Der Pub No. 8 direkt am Stadion war gegenüber früheren Zeiten relativ leer. Würde dieses Konsumverhalten die Regel, wäre es für den Stadtteil schon ziemlich bitter. Die Breakfast Cafe`s entlang der High Road waren allerdings so voll wie immer. Eine enorme Belastung hingegen ist der An- und Abreiseverkehr für die nunmehr doppelte Anzahl von Zuschauern. Besonders nach Spielschluss stauen sich die Menschenmengen in alle Richtungen. Die High Road wird für den Auto und Busverkehr länger als vorher komplett gesperrt. Die Personenströme werden mit Hinweistafeln und Ordnern zu den verschiedenen Bahnhöfen gelenkt. Typisch England: Ein ausgeklügeltes Queuing- System mit Aufstellgittern sorgen an den Bahnhofseingängen für ein ordentliches Schlange stehen. Den passenden Plan dazu kann man sich sogar vorher auf der Homepage des Vereins herunterladen. Die Züge fahren zwar in einer höheren Taktung als normal, den Ausbau der Stationen an sich aber hat man erst einmal vergessen. Soll aber in Planung sein. Immerhin. Gut dran ist, wer es nicht eilig hat. Der kann sich nämlich in einer der vielen, netten Pubs entlang der High Road noch in Ruhe ein after-match Bier genehmigen. Macht sowieso mehr Spaß.

Fazit:

Eines hat dieser Kommerztempel des Fußballs auf jeden Fall: Ein großes (langfristiges) wirtschaftliches Potential für den Verein, so lange dieser erfolgreich ganz oben mitspielen kann. Aber auch nur dann. Denn erst einmal muss diese unglaubliche Summe von einer Milliarde getilgt werden. Das Stadion an sich setzt definitiv Maßstäbe. An den Anblick dieses Monstrums an der High Road muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen. Der Vorteil hingegen: Es steht dort, wo der Verein seit über einhundert Jahren im Stadtteil verwurzelt ist. The dare is to do!

Das Spiel ?

War, wie erwartet, langweilig. Tottenham hatte den Gegner aus Yorkshire während der gesamten Partie im Griff. Nach siebenundzwanzig Minuten war das Spiel mit dem zweiten Treffer der Nord Londoner entschieden und plätscherte so vor sich hin. Es ließ also genug Rahmen sich mit den umliegenden neuen Begebenheiten zu beschäftigen. Erst gegen Ende der Partie erstarkten plötzlich die Terrier und erarbeiteten sich einige Torchancen. Das Spiel nahm dann wieder etwas Schwung auf, aber Tottenham ließ nichts anbrennen, schaltete zehn Minuten einen Gang höher und kam zu weiteren zwei Treffern. Ein Glanzloses, aber total verdientes 4:0.

 

Schottland: Vier Spiele in vier Tagen Teil 2

Greenock Morton FC – Alloa Athletic 0:2   Cappielow Park   10.11.2018

Am Samstagmittag waren wir wieder so rechtzeitig zurück in Glasgow, dass noch genügend Zeit für die Kurze Fahrt nach Greenock zu Verfügung stand. Dankenswerterweise stellte sich sogar unser Gastgeber als Fahrdienst zu Verfügung und kutschierte uns an die Mündung des Clyde Rivers. Einst war Greenock die bedeutendste Hafenstadt an der Westküste Schottlands. Neben dem Frachtverkehr war sie auch ein großer Standort für den Schiffbau. Viel ist davon nicht mehr übrig geblieben. Den Niedergang merkt man dem Ort mit rund 44.000 Einwohnern auch an. Eine Perle ist es nicht. Dafür aber das Stadion, der Cappielow Park. Hier ist der 1874 gegründete Greenock Morton FC zu Hause, einer der ältesten schottischen Fußballvereine. Im Prinzip spielt der Verein seit Anbeginn bis heute in der schon 1879 erbauten Spielstätte. Wenn etwas Tradition ist, dann das. Ursprünglich trug der Verein die Bezeichnung Morton Football Club, bis man 1994 den Namen um den Ort Greenock erweiterte. Besonders erfolgreich waren die Blau- Weißen allerdings nie. 1922 gewannen sie einmalig den schottischen Pokal und waren bis 1988 auch regelmäßig immer mal wieder in der jeweils höchsten Spielklasse anzutreffen. Zum Beginn der Jahrtausendwende musste aber ein finanzielle Durststrecke und damit einhergehender sportlicher Talsohle durchschritten werden. Seit 2007 hat man sich mit der Ausnahme von einer Saison wieder zumindest in der zweiten schottischen Spielklasse, der heutigen Scottish Championship etabliert.

Das Stadion hat, so wie es heute vorzufinden ist, schon so einige Jahre auf dem Buckel. Keine der Tribünen gleicht der anderen. Es gibt in einer der Ecken einen Flutlichtmast, die anderen Lichter sind mit abenteuerlichen Konstruktionen auf den Dächern der beiden Tribünen längs des Spielfeldes montiert. Im Westen findet man eine unüberdachte Tribüne mit alten Holzbänken aus dem Jahre 1978, die selten bis gar nicht genutzt wird. Sie trägt den Namen Wee- Dublin-End, weil einst irische Einwanderer in dem Areal hinter dieser Tribüne untergebracht waren. Die Haupttribüne steht nun schon seit 1931 dort und wurde 1990 mit Sitzschalen ausgestattet. Die anderen beiden Seiten bestehen überwiegend aus schönen, alten Stehtraversen, wobei auf der Gegengerade rund drei Viertel davon überdacht sind. Dieser Bereich wird aus als „Kuhstall“ bezeichnet. Das ganze Gelände wirkt notdürftig instandgehalten. Jeglichen Komfort, von der Toilette bis zum Kassenhäuschen, sucht man vergeblich. Alles schlicht und einfach. Im Jahr 2008 wurde berichtet, dass der Verein die Teile einer alte Tribünen und zwei Flutlichter vom Stadion Love Street vom FC St. Mirren gekauft hat, um sie am Wee- Dublin- End wieder aufzubauen. Zu sehen ist davon aber bis heute nichts. Insgesamt also eine Perle für jeden Stadionromantiker. Das Fassungsvermögen beträgt übrigens derzeit 11.589 Plätze, davon rund 5.700 Sitzplätze.

 

Als größter Rivale wird der St. Mirren FC genannt. Dann ist der altehrwürdige Cappielow Park auch mal richtig gut besucht. Das war gegen Alloa Athletic nicht wirklich der Fall. Ganze 1.794 Zuschauer stuften diese Partie als sehenswert ein. Stimmung gab es so gut wie keine. Auch von den vielleicht fünfzig Gästefans auf der Haupttribüne. Nur die beiden Elfmetertore zum 2:0 Auswärtserfolg der schwarz- gelben wurden bemerkbar bejubelt. Ohne diese Strafstöße hätte wohl keiner der beiden Teams an jenem Nachmittag jemals ein Tor erzielt. Das Spielniveau in der schottischen zweiten Liga hält sich doch arg in Grenzen. Egal, das Stadion ist der Hit. Mir hat es gefallen.

 

Livingston FC- Celtic FC  0:0   Almondvale Stadium   11.11.2019

Livingston hingegen ist keine Perle. Weder die Stadt, noch das Stadion. Der Ort, der heute rund 56.000 Einwohner zählt, wurde in den sechziger Jahren am Reißbrett um das gleichnamige Dorf herum geplant. Es entstand eine „New Town“ (man könnte sie auch Schlafstadt nennen), die vor allem Edinburgh entlasten sollte. Mit Ausnahme von zwei Einkaufszentren (eines davon ein Outlet Center) sowie eines größeren Pub Namens „Tower Bar“ bietet diese Stadt so gut wie gar nichts. Auch das nun ansässige Fußballstadion wurde erst in den Neunzigern errichtet, um den Einwohnern „Brot und Spiele“ zu liefern. Hierfür wurde der aus Edinburgh stammende Verein Meadowbank Thistle 1995 nach Livingston umgesiedelt. Planwirtschaft pur! In den letzten Jahren pendelten „die Löwen“ mehr oder weniger zwischen der ersten und zweiten schottischen Liga hin und her. 2004 gewannen die Schwarz-Gelben sogar einmal den Ligapokal. Besonders aufregend geht es dort aber nicht zu. Zu den normalen Heimspielen werden im Schnitt ganze 5.000 Zuschauer begrüßt. Nur gegen die großen Vereine kommen mehr. Allerdings füllen dann die Gästefans der beiden Glasgower Vereine die Tribünen, so dass dann „ausverkauft“ gemeldet werden kann. Wer also keine Dauerkarte besitzt, geht am Spieltag einfach hin. Bis Mitte der Saison gab es nicht einmal einen Online Ticket Verkauf. Dieser sollte gegen Celtic FC zum ersten Mal überhaupt eingerichtet werden. Allerdings mit der Einschränkung, dass man das Ticket vor Ort Tage vor dem Spiel im Ticketcenter hätte abholen müssen. Eine Ausgabe am Spieltag war nicht vorgesehen. Alles etwas seltsam. Uns aber egal.
Wir waren sowieso wieder mit dem Fanclubbus vom Garngad Milburn CSC unterwegs und gingen damit allen Ticketschwierigkeiten aus dem Weg. Die Anreise verlief ereignislos, weil ein derartiges Auswärtsspiel für die Celtic Fans scheinbar nur eine Pflichtveranstaltung ist.

Das Almondvale Stadium verfügt über 10.006 Plätze und trägt derzeit den lustigen Sponsorennamen Tony Macaroni Arena. Benannt nach einer im schottischen Besitz befindlichen italienischen Restaurantkette. Ausgerechnet dieser Durchschnittsground mit einem beknackten Namen sollte mein Zweihundertfünfzigster werden. Das Stadion ist klein, daher aber sehr kompakt. Viel näher dran am Spielfeld geht eigentlich nicht. Von außen ist es keine Schönheit. Ein Zweckbau halt.
Die Grün-Weißen waren heute klar in der Mehrheit. Drei der vier Tribünen waren für die Gäste vorgesehen. Nur auf der Haupttribüne waren die Heimfans aus Livingston zu finden. Ein wirklich seltenes Kräfteverhältnis. Es gab keine Fantrennung, der Stadionpub konnte auch von Gästefans genutzt werden. Immerhin können die Schwarz- Gelben mit einer kleinen Ultraszene aufwarten. Vielleicht einhundert Aktive machten am Rand der Haupttribüne optisch und akustisch auf sich aufmerksam. Der Support der Gäste war heute lediglich Durchschnitt. Genauso, wie das Spiel. Nach dem Europapokalauftritt am vorherigen Donnerstag tat sich der Favorit erkennbar schwer gegen eine gut verteidigende Heimmannschaft. Auch nach vorne gelang den Gastgebern deutlich mehr. Das Spiel war jetzt nicht schlecht. Es entwickelten sich aber nur wenige echte Torchancen, für die Elf aus Glasgow dabei deutlich weniger. So blieb es schlussendlich bei einem gerechten Unentschieden. Nur leider ohne Tore.

Nach dem Spiel trafen wir noch einen Bekannten wieder, der auch schon am Donnerstag vorher beim Europapokalspiel im Celtic Park war und die kompletten vier Tage in Livingston verbracht hatte. Die Reaktion unseres schottischen Bekannten: Na, hast du ein Buch geschrieben mit dem Titel „Lost in Livingston“? Warum, siehe oben. Kurze Zeit später saßen wir, nach vier Tagen mittlerweile ziemlich Müde, schon wieder im Bus zurück nach Glasgow.

 

Schottland im Herbst 2018: Vier Spiele in vier Tagen

Celtic FC- RB Leipzig   2:1  Celtic Park   Europa League    08.11.2019

Durch die Teilnahme des Celtic FC in der Europa League ergab sich im Herbst mal eine Gelegenheit für einen Fußballtrip mit vier Spielen in vier Tagen in Schottland. Am 08. November stand zunächst das Heimspiel der Grün- Weißen gegen RB Leipzig im Celtic Park an. Dummerweise standen ausgerechnet an jenem Donnerstag (sonst immer) keine Direktflüge mit dem Billigflieger Easy Jet zur Verfügung, so dass wir eine Anreise mit Britisch Airways über London in Kauf nehmen mussten. Wir entschieden uns für einen Anschlussflug mit etwas über einer Stunde Zeitpuffer zwischen Landung und Abflug in Heathrow. Keine gute Idee, wie sich herausstellte. Der erkennbare Puffer in der Flugzeit wurde, wie immer, schon über London aufgezehrt. Zum Hauptproblem wurde aber die Passkontrolle bei der Einreise für Umsteigegäste. Dort wird nämlich nicht zwischen EU Bürgern (geht normalerweise recht zügig) und Nicht- EU Bürgern (dauert Lichtjahre) unterschieden. Auch das Betteln bezüglich der anstehenden Boardingzeit des Anschlussfluges nutzte nichts. Danach erwartete uns noch eine Handgepäckkontrolle. Die Sache ging schlussendlich so gerade eben auf. Heathrow wird nicht mein Freund. Nebenbei bin ich gespannt, wie sich ein Brexit bei der Einreise an den Grenzen auswirken wird.
Für denjenigen, der ohne Umwege nach Glasgow möchte, empfiehlt sich ab Edinburgh Airport als Verkehrsmittel der Airport Bus von City Link. Dieser fährt alle 30 Minuten für einen angemessenen Preis direkt in 50 Minuten dorthin. Viel schneller und günstiger, als Bus/Tram und Bahn über die Innenstadt von Edinburgh. In Glasgow übernachteten wir die erste Nacht im neu eröffneten Motel One neben dem Bahnhof Central Station. Das wir dort auf jede Menge Leipziger trafen, war klar. Die Mehrheit der Fans vom Kunstclub ist aber total in Ordnung, so dass meine Vorbehalte weiterhin ausschließlich dem Vereinskonstrukt gelten. Auch, wenn das viele anders sehen mögen. Die Leipziger organisierten später vom George Square am Rathaus einen Marsch zum Stadion. Leider spielte das Wetter nicht mit. Es regnete Bindfäden. Typisch schottisch halt. Die Fans beider Vereine verstanden sich gut. So waren in den Celtic Pubs rund um das Gallowgate so einige Leipziger zu finden. Wir natürlich auch. Anstelle sich auf`s Bier trinken zu konzentrieren, machten wie den Fehler, noch schnell etwas feste Nahrung aufzunehmen. Eigentlich habe ich sämtliche Tücken dieses schönen Landes gut verinnerlicht. Dachte ich bis dato. Ich habe aber nicht damit gerechnet meinen Gaumen mit einer Pommes (!) so dermaßen zu verbrennen, dass die Hautfetzen noch zwei Wochen später im Mund herumhingen. Merke: Fish and Chips: Extremly hot! Dieser Hinweis ist sonst nur unbegründet auf Kaffeebechern zu finden…

Pitschenass erreichten wir dann später das Innere unserer Tribüne und bekamen so gerade noch die letzten zwei Minuten von der als Sensation angekündigten Lightshow mit. Diese Pre- Match- Lightshow scheint mittlerweile zum Standard im Celtic Park (und auch in anderen Stadien der Insel) zu gehören. DAS HAT MIT FUSSBALL NICHTS TUN UND NERVT ! Nach dem üblichen „You never walk alone“ im ganzen Stadion sorgte vor allem die Green Brigade in Section 111 für eine einem Europapokalabend angemessene Stimmung. Wir im Nachbarblock waren zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt unsere Plätze zu finden. Praktischerweise gibt es in den oberen Reihen im Unterrang dort keine Reihenbezeichnungen, so dass man ab der letzten bezeichneten Sitzreihe zählen muss. Der Übergang von Doppelbuchstaben auf Einzelbuchstaben erhöhte dabei den Schwierigkeitsgrad. So vergingen die ersten Minuten mit heiterem Zählen und munteren Diskussionen, bis alle mehr oder weniger mit ihren Ergebnissen nach diverser Platztauscherei zufrieden waren. Das Spiel war munterer als erwartet. Celtic gab richtig Gas. Kein Vergleich zu meinem letzten Besuch beim Glasgower Derby. Die offensive Spielweise der Leipziger kam den Grün- Weißen dabei natürlich entgegen. Auch die Stimmung war um Klassen besser. Ein feiner Europapokalabend mit gutem Ausgang für die Jungs aus Glasgow. Ein umkämpftes, aber auch spielerisch ansehnliches 2:1 hielt die Schotten im Kampf um das Weiterkommen in der Gruppenphase weiter im Rennen. Fast wie zu guten, alten Zeiten. Weil die Brausevertretung aus Leipzig am letzten Spieltag gegen Trondheim den Sieg verpasste qualifizierte sich der Celtic FC dann tatsächlich für die K.O. Runde. Da es nach Abpfiff weiterhin vor sich hin regnete, nahmen wir dankend das Angebot eines Freundes an, uns mit dem Auto zurück in die Innenstadt zu kutschieren.
Am nächsten Morgen gab`s dann Sachsenalarm im Frühstücksraum. Die Sprache ist und bleibt für mich, sorry, echt putzig! Wer das allgemeine Organisationstalent schottischer Frühstücksraumbetreiber kennt und das in Proportion gleichzeitig aus den Zimmern auftauchende Hundert Fußballfans setzt, kann sich ausmalen, welches Szenario das sowieso räumlich begrenzte Frühstücksbuffet sich ausgesetzt sah. Alle balgten sich wie in einem schlechten Urlaubsfilm um alles Ess- und Trinkbare. Die „Motel One Frühstücks Busy- Ampel“ zeigte dunkelrot. Mindestens! Selbst noch halb gefrorener Toast wurde dem Personal aus den Händen gerissen. Die Angestellten waren nach Ende der Frühstückszeit sichtlich erleichtert. Wir auch, denn trotz der chaotischen Verhältnisse, lief das Ganze natürlich aufgeregt, aber insgesamt gelassen bis lustig ab. Das habe ich auch schon anders erlebt. Also noch mal „Daumen hoch“ für die RB Fans. Sight- Seeing willige Tischnachbarn aus Thüringen konnten wir noch wertvolle Tipps mit auf den Weg geben. Deren Plan ließ sich wie folgt zusammenfassen: Ganz Schottland in nur drei Tagen- auch eine Möglichkeit.

 

FC Aberdeen- Hibernian FC 1:0  Pittodrie Stadium  Scottish Premiership  09.11.2019

Unser Weg führte uns am Morgen direkt weiter nach Aberdeen, in die an der rauen Nordseeküste gelegene Hafenstadt. Die Zugfahrt ist trotz der rund zweieinhalb Stunden Fahrzeit kurzweilig und bietet einen Blick auf wunderschöne Landschaften. Sie führt an Sterling vorbei über Perth nach Dundee. Ab dort mehr oder weniger direkt an der Nordseeküste entlang. Dabei kann man einen kurzen Blick auf das Stadion von Arbroath FC werfen, eines der schönsten, kleineren in Schottland. Die Lage der Stadt machte wettertechnisch ihren Namen aller Ehre: Es war grau, kühl und stürmisch. Um vom dortigen Hafen aus, der quasi mitten in der Stadt liegt, mit den Versorgungsschiffen zu den Bohrinseln oder den riesigen Fischtrailern in See zu stechen, muss man schon aus entsprechendem Holz geschnitzt sein. Und ja, es geht dort ziemlich rau zu. Sei es beim Fußball oder in den Kneipen. Das Stadtbild an sich ist ziemlich grau. Man könnte meinen, es hat sich dem dort vorherrschenden Wetter angepasst. Der Grund ist aber ein anderer. Sie wurde quasi komplett mit einem grauen Granitstein aus der Nordhälfte Schottlands aufgebaut. Fast alle Gebäude sind grau- fertig. Das kann schon deprimierend sein. Im Bereich sanierter Flächen oder Areale geht von den Gebäuden aber auch gleichzeitig eine gewisse Faszination aus. Am Stadtrand finden sich schöne Golfanlagen, Strandpromenaden, ein top gepflegtes Universitätsgelände mit tollen, alten Gebäuden, sowie das „Old Aberdeen“. Alles Sehenswürdigkeiten, die wir beim letzten Besuch dort schon abgearbeitet haben. Diesmal reichte es nur für einen Mini- Stadtrundgang, um dort Altes mit Neuem zu vergleichen (siehe Bild). Unsere Lieblingsmahlzeit (ihr ahnt es: All Day Scottish Breakfast mit einem Pint Lager) nahmen wir in dem bereits uns bekannten Pub Slains Castle Aberdeen ein. Diese Location ist nämlich in einer alten Kirche untergebracht. Sehr schick!

Das Pittodrie Stadium ist fußläufig in rund zwanzig Minuten aus der Innenstadt gut zu erreichen. Zumindest, wenn es nicht regnet. Auf dem Weg dorthin gibt es noch die Gelegenheit in einen überfüllten Pub für Heimfans ein wenig Flüssignahrung einzunehmen.
Am Ende der Straße wartet das Licht. So kann die Szenerie beschrieben werden, wenn man in die spärlich beleuchtete Pittodrie Street einbiegt, die direkt auf das vom Flutlicht angestrahlte Stadion zuläuft. Wunderschön! Der Ground ist ziemlich in die Jahre gekommen und versprüht diesen halb maroden, halb modernisierten Charme vieler älterer Stadien auf der Insel. Mittlerweile ist auch der Gästebereich am Rande der Gegengerade überdacht. Hinter dem Tor in Richtung Nordsee bäumt sich seit 1993 eine zweirangige Tribüne, der Richard Donald Stand, auf. Dieser passt so optisch mal gar nicht zum Rest der Anlage, hat aber die gültige Zuschauerkapazität auf derzeit 20.961 erhöht. Jene wird aber eher selten erreicht. Nur gegen die großen Teams aus Glasgow sind Heimspiele annähernd ausverkauft.

 

Der Club selbst schaffte in den letzten Jahren regelmäßig den Sprung in die Play Offs der Europa League, scheiterte aber jedes Mal an anderen durchschnittlichen europäischen Vereinen. Eigentlich schade, denn der Traditionsclub hätte durchaus wieder bessere Zeiten verdient. Der FC Aberdeen war einer der ersten Vereine von der Insel von dem ich als Jugendlicher Notiz nahm. Denn unter keinem geringeren als Alex Ferguson waren sie Anfang der Achtziger sehr erfolgreich und gewannen sogar 1983 den Europapokal der Pokalsieger. Umso mehr habe ich mich gefreut, endlich dort mal zu Besuch zu sein. Der FC Aberdeen offensichtlich auch. Denn kaum hatten wir unsere Plätze auf dem South Stand direkt neben dem Gästeblock eingenommen, wurden wir vom Ordnerpersonal aufgesucht. Diese zeigten immer wieder auf unsere Plätze und dann auf uns. Ich sah mich schon unbegründet abgeführt oder so, aber weit gefehlt. Wir wurden nach unseren Namen gefragt (die Tickets hatten wir vorher im Onlineshop bestellt) und vom FC Aberdeen als Erstbesucher herzlich willkommen geheißen. Als Dankeschön gab es noch einen Gutschein für einen warmen Halbzeit Pie plus einem Heißgetränk. Das nenn ich mal Kundenbindung! Wir wurden noch gefragt, ob wir unsere Plätze tauschen möchten, weil es hier im Block sehr laut sei, aber natürlich wollten wir laut! Laut und dreckig. Und wurden nicht enttäuscht. Bei den Dons hat sich bisher keine Ultragruppe oder ähnliches etabliert. Es gibt britischen Old School Support in Reinstkultur. Wenig Gesang, dafür durchgehende Beschimpfungen in Worten und Gestiken aller Art. Die Rot- Weißen wurden im Gegenzug von den Grün- Weißen aus Edinburgh leidenschaftlich als Schaafsficker betitelt. Die meisten Beleidigungen konnten wir aufgrund des starken schottischen Akzents allerdings nicht verstehen. Gelegentlich kamen sich beide Gruppen auch am Zaun sehr nahe. War es zu nah, schritten Ordner ein. Nach dem Führungstor des Gastgebers klebten Hunderte beidseitig am Zaun. Als sich das Tohuwabohu wieder lichtete fehlten einige uns mittlerweile bekannte Gesichter. Die mit der größten Klappe vorher wurden nun dezent des Stadions verwiesen. Ab diesem Zeitpunkt wurde auch gesungen. „You´re only sing when you`re winning“ halt. Weitaus uninteressanter ging es auf dem Platz zu. Vom schottischen Erstligafußball darf man nicht viel erwarten. Spielerisch kein Leckerbissen, ein paar Torchancen hüben wie drüben und der Treffer in der 40. Minute zum 1:0 reichte zum Heimsieg. Mehr war nicht. Insgesamt aber trotzdem ein netter Floodlight Friday!

Über die beiden noch folgenden Spiele beim Greenock Morton FC und FC Livingston gibt es nicht besonders viel zu erzählen. Ein paar Sätze und vor allen Dingen Fotos von einem der schönsten schottischen Stadien überhaupt gibt es in kürze hier trotzdem.

 

 

Celtic FC – Rangers FC 1:0

Derby in Glasgow am 02.09.2018

Das 413. Glasgower Derby zwischen dem Celtic Football Club und dem Rangers FC ist nun schon eine kleine Weile her, aber kurz würdigen möchte ich es dennoch:

Das Aufeinandertreffen der beiden Glasgower Stadtrivalen wird immer noch Old Firm (das alte Beständige) genannt. Es ist eines der ältesten Derbys der Welt zweier wirklich großen Vereine. Der eine Verein verkörpert die irische Einwanderschaft, der Andere die protestantischen Unionisten in Schottland. Es werden also auf der einen Seite irische Fahnen, auf der anderen Seite der Union Jack gezeigt. Die Stadt ist gespalten, nicht nur an Spieltagen. Man mag sich gar nicht. Ganz und gar nicht. Die offene Abneigung wurde über Jahrzehnte regelrecht gelebt. Notfalls auch mit Gewalt.

 

 

Die Anhänger der Grün- Weißen sprechen jedoch nicht mehr vom Old Firm, sondern nur noch vom Glasgower Derby. Der Grund ist klar: Der alte Rangers FC bzw. dessen Betreibergesellschaft ging 2012 insolvent. Die neuen Rangers werden abschätzig nur noch „newco“ (neu gegründete Gesellschaft) genannt. Seit der Pleite besitzen die Celts die alleinige Vormachtstellung im schottischen Fußball und konnten zuletzt zum siebten Mal hintereinander die schottische Meisterschaft erringen.
Nach der damaligen Verbannung der neu gegründeten Rangers in die vierte schottische Liga traf man sich erstmals im Liga Cup Halbfinale 2015 auf dem Platz wieder. Seit Beginn der Saison 2016/2017 spielen auch die Rangers wieder in der schottischen Premiership. Auf Augenhöhe sind die Rot- Blauen, vor allen Dingen aus finanziellen Gründen, aber noch lange nicht. So hoffen die Fans aus dem Stadtteil Parkhead auf die Egalisierung des bisherigen Rekordes, der neun hintereinander errungenen Meisterschaften des ewigen Rivalen aus dem District Ibrox. Mit welchen teils dubiosen finanziellen Tricks diese Erfolge zu Stande kamen, ist mittlerweile bekannt. Trotzdem sitzt dieser Stachel natürlich tief. „Nine in a row“ (Rangers) oder wahlweise „Ten in an row“ (Celtic) ist eine inflationär gebräuchliche Liedzeile in beiden Fanlagern.
Die Vorherrschaft des Ligaprimus macht die schottische Liga allerdings noch langweiliger, als sie ohnehin schon war. Kein anderer Club kommt auch nur annähernd an die Finanzkraft des großen Clubs heran. Alle anderen Heimspiele ohne Beteiligung des Stadtrivalen sind sportlich und stimmungsmäßig nicht besonders interessant. Nur selten, wie zu Beginn dieser Saison, wird man der Favoritenrolle mal nicht gerecht. Auch vor diesem Spiel waren die Kräfteverhältnisse eigentlich klar verteilt. Es wurde lediglich nur über die Höhe des Heimsieges diskutiert.
Stimmungsmäßig müssen momentan sowieso Abstriche gemacht werden. Denn die Rangers kündigten die Verabredung beider Clubs, sich gegenseitig 7.500 Karten für den Auswärtsblock zur Verfügung zu stellen, im Mai einseitig auf. Sie konnten die Feierei der meist gut gelaunten grün- weiß Gestreiften in ihrem eigenen Stadion nicht mehr ertragen. Auch kein Zeichen von Größe. So erhalten bis auf weiteres lediglich rund 1.000 Gästefans die Chance auf einen Auswärtsbesuch. Unwürdig für eine solches Derby!

 

 

Mangels geöffneter Pubs bzw. dem Verbot von Alkoholausschank vor 12:00 Uhr erübrigten sich zunächst alle Rituale, die zu einem anständigen Fußballtag gehören. Obwohl man die Strecke vom Stadtteil Royston zum Celtic Park durchaus gut zu Fuß bewältigen könnte, nutzten wir den Fanclub- Bus des Garngad Millburn CSC zur Anreise. So gab es auch keinerlei Aufregung vor dem Spiel. Die wenigen, wie immer in Glasgow, komplett getrennt anreisenden Gästefans bekam diesmal niemand zu Gesicht. Zu hören, wie sonst, waren sie auch nicht.
Nur die Polizei meinte mal wieder die Fans in Aufregung versetzen zu müssen. Rund zwanzig Minuten vor Anpfiff kam es auf dem Weg unterhalb des North Stand (der Gegengerade), der auch als einziger Zugang vom Busparkplatz zum Lisbon Lions Stand dient, zu einem durchaus vorhersehbaren hohen Personenaufkommen. Der Verein hat in Absprache mit der Polizei ein neues Wegekonzept ausprobiert. Der Weg unter der Nordtribüne wurde dabei zum Flaschenhals. Tausende wollten aus beiden Richtungen zu ihren Tribünen auf der jeweils anderen Seite, bis es zu einem heftigen Gedränge, besser gesagt Stillstand und Geschiebe kam. Augenzeugen berichteten von panischen Reaktionen. Die Ordnungshüter schlossen daraufhin offenbar irgendwelche Tore, was die Situation zusätzlich verschlimmerte. Einige versuchten daraufhin angrenzende Mauern oder Zäune zu übersteigen, um zum Anpfiff im Stadion zu sein oder der Situation einfach nur zu entfliehen. Einige Verletzte waren die Folge. Da hat sich die Polizei mal wieder nicht mit Ruhm bekleckert. Eine vernünftige oder plausible Stellungnahme sowohl vom Verein, als auch von der Polizei blieb bisher (natürlich) aus.

Im Stadion erwartete den Besucher dann ein trauriges Bild. In der Ecke neben der Haupttribüne, in Sektion 120, wurde der kleine Haufen Gästefans platziert und machte einen völlig unverhältnismäßigen Eindruck zum Rest des großen Stadions. Da fehlte etwas. Eindeutig!
Das „You never walk alone“ kam, wie immer, gut rüber. Danach gab es von der Green Brigade in der Sektion 111 eine kleine Choreo einschließlich einer kleiner Portion Rauch. Der Support war ganz gut, erreichte aber anschließend zu keiner Zeit den Roar vergangener Tage. Die Gästefans waren in dieser Sache mit ihren rund 800 Personen sowieso hoffnungslos unterlegen.
Das Geschehen auf dem Rasen tat sein Übriges dazu. Die einen konnten nicht (Rangers ), die anderen (Celtic) wollten nicht- so richtig. An Stelle eines Feuerwerkes erlebten die 61.000 im weiten Rund eine relativ müde Nummer mit einem 1:0 durch Olivier Ntcham in der 62. Minute. Insgesamt hatte die Heimmannschaft das Spiel über die gesamte Partie im Griff, verpasste aber mit zwei weiteren guten Gelegenheiten, für eine frühe Entscheidung zu sorgen. So wurde am Ende ein wenig gezittert, als das Team um Neucoach Steven Gerrad sich bemühte den Ausgleichstreffer zu erzielen. Celtic gewann also knapp, aber souverän. Damit konnten die üblichen Feiereien und Schmähungen des Gegners beginnen: Beautiful Sunday.

 

Auch nach dem Spiel blieb alles ruhig. Für die Polizei war die Fantrennung bei der kleinen Anzahl Gästefans eine einfache Angelegenheit. Die kleine Gruppe schwarz gekleideter Heimfans wurde vom neongelben Begleitschutz bis in die Innenstadt begleitet. Auswärtsfans waren auch nach dem Spiel nirgendwo auszumachen. Derby geht irgendwie anders.

Selbst im Viertel und auf der gleichnamigen Straße Gallowgate war mal so gar nichts los. Die Kneipen waren zwar restlos überfüllt. Auf der Straße dagegen gähnende Leere. Ein typischer Sonntagnachmittag halt. In die Pubs hinein gelassen wurde man aber nur mit einem zuvor erworbenen Kneipen- Ticket. Wir hatten natürlich keines. So verging einige Zeit, bis wir Einlass auf ein Bier im Pub „The Saracen Head“ fanden. Ein Pub, der über Einhundert Jahre von der gleichen Familie betrieben wurde. Dort war es dann ganz nett. Saufen, Singen, Drängeln und Schwitzen. Ihr kennt das. Auf der Straße trafen wir dann noch zufällig jemanden wieder, den wir mal 2004 auf dem antirassistischen Fußballturnier  St. Pauli kennengelernt und später völlig aus den Augen verloren haben. Das Ergebnis: Rein in den nächsten Pub und noch ein Bier! Ein schöner Zufall!

Insgesamt ist das Glasgower Derby natürlich immer eine Reise wert, aber unter den heutigen Bedingungen (insbesondere der geringen Anzahl an Gästefans und der durchschnittlichen, sportlichen Darbietungen) bei weitem nicht mehr so elektrisierend wie noch vor zehn Jahren. Auch das Viertel rund um das Gallowgate hat seinen morbiden aber herzlichen sowie quirligen Charme von Früher verloren. Sieht alles ziemlich trostlos und heruntergekommen aus. Das gilt für den Wochenendmarkt „Barras“ genauso, wie für den ein oder anderen geschlossen Pub, z.B. der Birds Bar. Einen recht neuen Pub für Celtic Anhänger gibt es in der Nähe des Merchant Square in der Straße Candleriggs. Der Name ist mir leider entfallen. Das O`Neills dort lässt ebenso Heimfans in Farben hinein. Ansonsten gilt in Glasgow (nicht nur an Spieltagen) ein konsequente „No football colours“ Türpolitik. Der aus meiner Sicht immer noch beste Pub ist das Mc Chuills in der High Street mit seinem urigen Besitzer hinter dem Tresen. Letzterer ist auch eine gute Anlaufstelle um Kontakte zu knüpfen oder mit etwas Glück eine der wenigen verfügbaren Karten zu ergattern. Leider ist der Laden an Derbytagen hoffnungslos überfüllt. Man muss ein wenig Geduld mitbringen.
Insgesamt war es nach meinem Empfinden für ein Glasgower Derby ein ziemlich ruhiger und damit relativ unspektakulärer Tag.